29. Sep 2026
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Gesellschaft
Journalist: Thomas Soltau
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Foto: Presse
Geopolitische Krisen, knappe Rohstoffe und der steigende Ressourcenbedarf machen Kreislaufwirtschaft zu einem strategischen Thema für Europas Wirtschaft. Peter Börkey, Circular Economy Lead bei der OECD, ordnet ein, warum künftig nicht das Recycling allein, sondern das Produktdesign über Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit entscheidet.
Deutschland galt lange als Vorreiter beim Recycling. Ist das heute noch berechtigt – oder überschätzen wir unseren Fortschritt auf dem Weg zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft? Die Bundesrepublik gehört nach wie vor zu den leistungsstärksten Ländern in der OECD. Im Gegensatz zu ihrer Rolle in den 1990er- und 2000er-Jahren hat sie zuletzt jedoch eine weniger führende Rolle bei der Entwicklung ehrgeiziger neuer Strategien für die Kreislaufwirtschaft eingenommen, insbesondere solche, die über die Anforderungen der EU hinausgehen. Wie alle OECD-Länder muss Deutschland noch erhebliche Fortschritte erzielen, um die Kreislauffähigkeit seiner Wirtschaft zu erhöhen. Dies wird auch in der nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie hervorgehoben, deren Ziel unter anderem darin besteht, den Anteil der Sekundärrohstoffe am Rohstoffverbrauch von derzeit 13 Prozent bis 2030 zu verdoppeln.
Viele Unternehmen betrachten Kreislaufwirtschaft inzwischen weniger als Umweltprojekt, sondern als Frage der Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Hat sich die Bedeutung des Themas durch die geopolitischen Krisen grundlegend verändert? In den letzten Jahren hat die Kreislaufwirtschaft sowohl für Regierungen als auch für Unternehmen an Bedeutung gewonnen. Dies zeigt sich etwa im geplanten EU-Kreislaufwirtschaftsgesetz, in der deutschen Kreislaufwirtschaftsstrategie sowie in Unternehmensinitiativen wie den Bemühungen von Carrefour, durch Mehrweg- und Nachfülllösungen Verpackungsmaterial und Kosten zu reduzieren. Die geopolitischen Krisen verstärken diese Trends und rücken das Thema verstärkt von der Umwelt- in die Wirtschaftspolitik.
China dominiert bei vielen kritischen Rohstoffen, gleichzeitig steigt der Bedarf durch Energiewende, Elektromobilität und Digitalisierung. Wie kann Europa seine Abhängigkeit verringern – und welchen Beitrag kann die Kreislaufwirtschaft dabei tatsächlich leisten? Um diese Abhängigkeit zu verringern, gewinnt die Nutzung von Sekundärrohstoffen aus Recycling an Bedeutung. Laut Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten bis 2040 je nach Metall 20–30 Prozent der weltweiten Nachfrage nach kritischen Rohstoffen für die Energiewende aus Sekundärquellen gedeckt werden. Ebenso wichtig ist die Senkung des Rohstoffbedarfs durch langlebigere Produkte, Wiederverwendung und Reparatur.
Die geopolitischen Krisen verstärken diese Trends und rücken das Thema verstärkt von der Umwelt- in die Wirtschaftspolitik.
Die OECD berät Regierungen weltweit. Wo sehen Sie derzeit die größten Defizite in Deutschland und Europa – eher bei den politischen Rahmenbedingungen oder bei der konsequenten Umsetzung durch Wirtschaft und Verwaltung? Die EU und Deutschland zählen zu den Vorreitern bei der Schaffung von Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft. Viele Maßnahmen sind jedoch noch neu und befinden sich teilweise erst in der Umsetzung, weshalb ihre Wirkung bislang nur begrenzt sichtbar ist. Zudem müssen politische Maßnahmen häufig im Laufe der Zeit angepasst werden. Entscheidend sind daher eine konsequente Umsetzung und Kontrolle, die Möglichkeit zu schnellen Nachsteuerungen sowie eine dauerhaft starke politische Unterstützung.
Recycling steht häufig im Mittelpunkt der Debatte. Sie betonen jedoch immer wieder, dass die entscheidenden Weichen schon beim Produktdesign gestellt werden. Was muss sich bei Entwicklung und Produktion ändern, damit eine echte Kreislaufwirtschaft gelingt? Die Reduzierung des Materialeinsatzes und eine längere Nutzungsdauer von Produkten sind oft wirksamer als Recycling, da sie mehr wirtschaftlichen Wert erhalten und die Umwelt weniger belasten. Da diese Ansätze jedoch tiefgreifendere Veränderungen in Produktion und Konsum erfordern, brauchen sie stärkere politische Unterstützung.
Mit der erweiterten Herstellerverantwortung sollen Unternehmen stärker für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte Verantwortung übernehmen. Reichen die bestehenden Regelungen aus, oder braucht Europa hier einen grundlegenden Kurswechsel? Die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) hat wesentlich zur Steigerung der Getrenntsammlung und des Recyclings beigetragen. Da ihre Ziele inzwischen auch Produktdesign, Wiederverwendung und Reparatur umfassen sollen, muss sie weiterentwickelt werden. Dies erfordert mehr Reporting, Finanzierung und staatliche Aufsicht. Gleichzeitig könnten eine stärkere Harmonisierung der nationalen EPR-Systeme und weniger Marktfragmentierung Kosten senken und zusätzliche Effizienzgewinne ermöglichen.
Die Reduzierung des Materialeinsatzes und eine längere Nutzungsdauer von Produkten sind oft wirksamer als Recycling, da sie mehr wirtschaftlichen Wert erhalten und die Umwelt weniger belasten.