18. Mär 2026
Journalist: Julia Butz
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Foto: Getty Images/unsplash, Presse
Verbunden statt perfekt. Warum echte Nähe wichtiger ist, als das neueste Spielzeug. Maria Stampfer, Expertin für kindliche Entwicklung und Pädagogik, im Interview.

Maria Stampfer ist Bestseller-Autorin und Co-Founderin von mo:mo:, einer App, die Eltern mit Wissen zur kindlichen Entwicklung, alltagstauglichen Aktivitäten und Tipps für die ersten 3 Lebensjahre begleitet.
Frau Stampfer, was braucht ein Kind für eine möglichst gute Entwicklung? Gerade in den ersten Lebensjahren ist es essenziell, dass ein Kind eine gute Bindung zu seinen engsten Bezugspersonen aufbauen kann. Wenn ein Kind sicher gebunden ist, legt das den Grundstein für alles Weitere und erfährt: Ich bin wertvoll und habe meinen Platz in dieser Welt. Diese Bindung entsteht in erster Linie dadurch, dass Eltern die Bedürfnisse des Kindes wahrnehmen und darauf eingehen. Und durch gemeinsame Zeit, die diese Verbindung bewusst zulässt. Das kann bedeuten, dass man eine halbe Stunde lang an einer Regenpfütze stehen bleibt und das Kind springt zum 36. Mal hinein oder man sich gemeinsam in aller Ruhe einen Regenwurm anschaut. Entscheidend ist nicht die Aktivität an sich, sondern, dass Eltern das Kind in seiner Welt ernst nehmen, in diesen Momenten wirklich präsent sind – und vor allem authentisch. Wenn ich zum Beispiel kein Typ fürs Kekse backen bin, dann muss ich mich nicht mit meinem 1,5-jährigen Kind ins Backchaos stürzen und erwarten, dass das für beide schön wird (lacht).
Kinder spüren ganz genau, ob etwas von Herzen kommt oder die gemeinsame Zeit nur ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste ist.
Verbindung entsteht also dort, wo Eltern Dinge tun, die ihnen wirklich liegen? Ja, und Freude machen. Kinder spüren ganz genau, ob etwas von Herzen kommt oder die gemeinsame Zeit nur ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste ist. Authentizität geht über Perfektion. In welcher Form Eltern mit dem Kind in Verbindung zu gehen, da gibt es keinen perfekten Musterplan, weder von kinderpsychologischer noch pädagogischer Seite. Das darf und soll zur Familie, zum Elternteil, und zum Kind passen. Dazu kommt: Kindliches Spiel ist ja nicht so, wie wir Erwachsene es erwarten. Es ist ergebnisoffen und Kinder brauchen dafür gar nicht viel. Gerade sensible Kinder reagieren stark auf die heutige Reizüberflutung. Umso erholsamer ist es, wenn Mama und Papa nicht sofort mit dem nächsten Dopamin-Feuerwerk aufwarten. Entscheidend sind gemeinsame Momente: Zeit, Aufmerksamkeit und echtes Dabeisein. In diesen geteilten Situationen entsteht neben Bindung und Sicherheit auch Lernen. Wer sich diese Zeit nimmt, legt eine wichtige Grundlage für die Entwicklung.
Viele Eltern fiebern den ersten Meilensteinen wie den ersten Schritten oder Worten entgegen. Wenn andere scheinbar schneller sind, kann auch schnell Druck entstehen. Kindliche Entwicklung verläuft nicht linear, jedes Kind hat sein eigenes Tempo und seine Stärken. Selbstverständlich ist es wichtig, dass Entwicklungsschritte im Blick bleiben und erreicht werden. In einem Umfeld, das betont auf Vergleich ausgerichtet ist und ständig hervorhebt, was ein Kind schon kann, ist es aber auch völlig in Ordnung, sich bewusst zu distanzieren. Zudem passieren zwischen den Meilensteinen viele wichtige Entwicklungsschritte, die sich nicht messen lassen: Gefühle wahrzunehmen, mutiger zu werden oder Neues auszuprobieren. Eltern sollten ihr Kind nicht wie ein Bauprojekt nach Tabelle betrachten, sondern es auf Augenhöhe begleiten und dabei immer in Verbindung bleiben. Auch Lernen entsteht schließlich in Beziehung und Interaktion.
Die unabhängige Plattform des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit www.Kindergesundheit-info.de* informiert Eltern über Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern. Welche Unterschiede normal sind, wann Auffälligkeiten ärztlich abgeklärt werden sollten und welche Früherkennungs- und Förderangebote es gibt.
*BIÖG Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, Fachbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit