24. Sep 2026
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Business
Journalist: Katja Deutsch
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Foto: Presse
Prof. Dr. Veronika Grimm zählt zu den sogenannten „Wirtschaftsweisen“. Sie ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Professorin für Energiesysteme und Marktdesign an der Technischen Universität Nürnberg (UTN), Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat der Bundesregierung, im Vorstand des Zentrums Wasserstoff.Bayern (H2.B) sowie im Aufsichtsrat von Siemens Energy. Im Interview spricht sie über die Transformation der Chemieindustrie – und was der Kündigungsschutz damit zu tun hat.
Frau Prof. Dr. Grimm, was wird die Chemieindustrie Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren am stärksten verändern? Die Chemieindustrie in Deutschland steht vor großen Herausforderungen: Die Transformation zur Klimaneutralität erfordert den Ersatz von fossilen Rohstoffen durch klimafreundlichen Wasserstoff sowie biogene und recycelte Kohlenstoffquellen, was mit hohen Kosten verbunden ist. Gleichzeitig nimmt der internationale Wettbewerbsdruck zu, da Schwellenländer ihre eigenen Chemieindustrien ausbauen – und oft von günstigeren Produktionsbedingungen profitieren.
Deutschland ist von der Transformation besonders betroffen, weil seine Chemieindustrie auf hochintegrierten Chemieverbünden basiert, in denen nahezu alle Kuppelprodukte genutzt werden. Wenn einzelne Anlagen unrentabel werden, kann dies ganze Wertschöpfungsverbünde gefährden. Die Folgen zeigen sich bereits: So ging während der Energiekrise die Ammoniakproduktion aufgrund hoher Gaspreise zurück und wurde teilweise durch Importe ersetzt. Dadurch verringerte sich zugleich die Verfügbarkeit von Kuppelprodukten wie CO₂, das unter anderem in der Getränkeindustrie benötigt wird.
In welchen Bereichen könnte die Transformation weg von den fossilen Rohstoffen für deutsche Unternehmen sogar vielleicht ein Wettbewerbsvorteil sein? Wir befinden uns mitten in einem Strukturwandel – nicht zum ersten Mal. Die Transformation der Chemieindustrie kann auch Chancen bieten: Durch Innovationen können klima- und umweltfreundliche Verfahren entwickelt werden, die weltweit Anwendung finden. Da große Emittenten wie China ebenfalls ihre Produktion klimafreundlicher gestalten müssen, wird eine globale Nachfrage nach solchen Technologien entstehen. Wir sollten allerdings mehr internationale Kooperation beim Klimaschutz anstreben; das macht derartige Fortschritte für alle einfacher. Ausschlaggebend ist der Fokus auf attraktive Rahmenbedingungen vor Ort, denn wenn andere Länder attraktivere Standortbedingungen bieten, gerät unsere deutsche Chemieindustrie im internationalen Wettbewerb unter Druck.
Wir müssen daher die hausgemachten Herausforderungen in Deutschland adressieren: Hohe Energiekosten, komplexe Regulierungen und unübersichtliche Förderprogramme erschweren Investitionen, verzögern den Transformationsprozess und führen zu Zurückhaltung bei Unternehmen.
Durch Innovationen können klima- und umweltfreundliche Verfahren entwickelt werden, die weltweit Anwendung finden.
Wie könnte sich Deutschland gegen die übermächtige Konkurrenz aus China durchsetzen? Die deutsche Politik sollte nicht auf Protektionismus setzen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken und Optionsräume für Zukunftstechnologien eröffnen. Deutschland hat durch seine Forschungsstärke, die Chemieverbünde und die Verbindung von Chemie und Künstlicher Intelligenz gute Voraussetzungen, um bei Innovationen führend zu bleiben. Doch dafür ist eine innovationsfreundlichere Regulierung nötig – und weniger bürokratische Hürden.
Auch der Arbeitsmarkt spielt eine Rolle: Ein zu restriktiver Kündigungsschutz erhöht die Kosten gescheiterter Innovationsprojekte und kann dazu führen, dass Unternehmen risikoreiche Forschungsaktivitäten ins Ausland verlagern. In Deutschland dauert es heute rund 30 Monate, das Personal nach einem gescheiterten Projekt freizusetzen. Länder wie Dänemark dagegen bieten nur drei Monate Kündigungsschutz, dafür aber ein deutlich höheres Arbeitslosengeld und gute Vermittlungsaktivitäten. Das ist ein Vorteil für beide Seiten, denn viele Fachkräfte finden schnell wieder einen Job, nicht zuletzt, weil das Umfeld für Unternehmen attraktiv ist.
Welche alternativen Rohstoffe halten Sie für besonders vielversprechend? Und wie groß ist das Potenzial von Biomasse, Recycling und CO2 als Rohstoff tatsächlich? Die Potenziale für eine klimafreundlichere Chemieindustrie sind groß, aber die Transformation braucht Zeit und einen pragmatischen Ansatz. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen und Investitionen nicht unnötig verteuern. Große Chancen bieten Recycling, digitale Technologien und Künstliche Intelligenz. KI kann beispielsweise Laborprozesse beschleunigen, bei der Entwicklung neuer Materialien helfen und Recycling effizienter machen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass digitale Technologien selbst energieintensiv sind und daher nachhaltig eingesetzt werden müssen.
Die deutsche Politik sollte nicht auf Protektionismus setzen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken und Optionsräume für Zukunftstechnologien eröffnen.
Welche Bedeutung hat grüner Wasserstoff für die Zukunft der Chemieindustrie? Grüner Wasserstoff ist schon wichtig – Wasserstoff ist ja ein Grundstoff für viele Prozesse. Um den Wandel jedoch kosteneffizient zu gestalten, sollte die Übergangsphase technologieoffen sein und auch blauen Wasserstoff einbeziehen, denn ein breiteres Angebot an Wasserstoffquellen kann dabei helfen, die Kosten zu senken und industrielle Prozesse in Deutschland und Europa zu erhalten.
Welche Weichen sollte die Politik jetzt stellen, um die Chemieindustrie in Deutschland zu stärken? Wir sollten dringend die regulatorischen Vorgaben hinterfragen, den Fokus beim Klimaschutz mehr auf CO₂-Bepreisung statt auf starre Technologieanforderungen legen und zudem auf wenige, aber effektive Förderprogramme setzen. Gleichzeitig sollten wir versuchen, Zukunftstechnologien wie Gentechnik oder Künstliche Intelligenz nicht durch zu strenge Regeln auszubremsen, damit Innovationen und Wertschöpfung in Europa bleiben.
Wenn Veronika Grimm in ihrer Freizeit nicht gerade lange Laufstrecken absolviert oder in der Boulderhalle trainiert, zieht es sie zum Klettern oder Snowboarden in die Berge. Auf dem Ohr ist dabei häufig ein Hörbuch – am liebsten zur Geschichte oder aus der klassischen Literatur.