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3. Apr 2021

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Gesellschaft

„Die Größe der Aufgabe wird unterschätzt“

Journalist: Armin Fuhrer

Strom allein kann die Energieversorgung nicht sichern, daher sollte Deutschland stärker auf Wasserstoff setzen, findet Ludwig Möhring.


Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl, und Geoenergie (BVEG); Foto: Dirk Meußling

Herr Möhring, welche Rolle sollte Gas bei der Umstellung auf Klimaneutralität spielen?

Ganz klar ist: Wir werden die Welt nicht vollständig verstromen können. Wir brauchen auch gasförmige Energieträger, zum Beispiel für den Transportsektor oder für viele Industrieanwendungen. Ebenso wenig können wir die den gesamten Bau-bestand auf elektrische Wärmepumpen umstellen. Die benötigte Strommenge ist viel zu groß, die Anpassungen der Technik und Infrastruktur erfordern Jahr-zehnte. Ohne Gas wird es nicht gehen. Im Stromsektor gilt das schon wegen der Versorgungssicherheit, wenn Strom aus Wind und Sonne nicht zur Verfügung steht, erst recht nach dem Ausstieg aus Kernenergie und Kohlekraft.

Reden Sie von Erdgas?

Der Energiebedarf ist riesig – und er wird global weiter steigen. In Deutschland müssen wir von einem Energiebedarf auf gleichbleibendem Niveau ausgehen. Hier kommen derzeit 60 Prozent des Energieverbrauchs aus Erdöl und Erdgas – auch nach zehn Jahren Energiewende. Sich  auf den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie zu verlassen, reicht nicht aus. Die Transformation der Energielandschaft ist damit nicht geschafft. Bis Mitte des Jahrhunderts wird es einen hohen Bedarf an Erdgasnutzung geben. 

Wenn wir von Gas reden, meinen wir heute in erster Linie Erdgas, schon mangels Alternativen, die in großen Mengen verfügbar wären. Wasserstoff, synthetisch und CO2-frei hergestelltes Methan oder Bio-Erdgas werden das fossile Erdgas zunehmend ersetzen, aber das braucht Zeit. Die Übergangsphase sollten wir nutzen, um nach und nach die bislang mit konventionellen Energieträgern versorgten Lebensbereiche zu dekarbonisieren. 

Sehen Sie sich von der Politik an dieser Stelle ausreichend unterstützt?

Die Größe der Aufgabe wird schlicht unterschätzt, nicht nur von der Politik. Das gilt sowohl für die Energiemengen, die wir brauchen, als auch bei den notwendigen Investitionen. Die Diskussion über sinnvolle Lösungen für die Transformation Energielandschaft ist in Deutschland viel zu politisiert. Hier gilt: Wind und Sonne sind gut – alles Fossile ist böse, ohne dass erkennbar wäre, wie die Transformation gelingen kann. Aber Strom aus Wind und Sonne deckt aktuell weniger als zehn Prozent des Energiebedarfs in Deutschland. Wie decken wir also den höheren Strombedarf der Zukunft? Woher wollen wir zum Beispiel den ganzen Strom nehmen, wenn im Laufe der Zeit 40 Millionen PKW in Deutschland als E-Autos fahren sollen? Das Gleiche gilt für Wärmepumpen im Heizungssektor. Die Politik blendet aus, dass sich auch mehrere technische Lösungen nebeneinander entwickeln können.

Und wie sieht es mit Wasserstoff aus?

Wasserstoff birgt ein riesiges Potenzial. Es gibt bereits viele Anwendungen, zum Beispiel in der Industrie, aber auch im Heizungs- und Transportsektor sind Brennstoffzellenlösungen lange erprobt und großflächig einsetzbar. Leider ist die Diskussion über die Herstellung fokussiert auf grünen Wasserstoff, der durch Elektrolyse aus erneuerbarem Strom produziert wird. Das Potenzial dafür ist allerdings begrenzt. Wäre das Thema in Deutschland weniger politisiert, würden wir uns überlegen, wie wir große Mengen Wasserstoff klimaneutral erzeugen können. Zum Beispiel, indem Erdgas in einem Pyrolyseverfahren in Wasserstoff und reinen Kohlenstoff aufgespalten wird. Das ist ein komplett CO2-freier Prozess. Aber auch die Dampfreformierung, bei der Erdgas in Wasserstoff und CO2 zerlegt wird, lässt sich klimaneutral gestalten: Durch die an-schließende Nutzung des CO2 oder dessen Einspeicherung in Lagerstätten. 

Finden Sie, dass wir in Deutschland zu wenig offen sind für verschiedene Optionen?

Ja, weil wir uns nur auf den Wasserstoff aus der Elektrolyse konzentrieren und dieser auch nur eine Nebenrolle neben Strom spielen soll. Meine Sorge ist, dass wir unseren Blick verengen und das große Potenzial, das Wasserstoff birgt, gar nicht ernst nehmen. Damit ist sein Nischendasein in Deutschland vorprogrammiert. Ich halte das für völlig falsch, denn wir brauchen Wasserstoff genauso wie Strom, wenn wir die Dekarbonisierung beschleunigen wollen. Ernsthafter Klimaschutz würde das als zentrale Forderung auch politisch fest verankern.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen eine integrierte Lösung, die gasförmige Energieträger wie Wasserstoff mittel- und langfristig zum vollwertigen und gleichrangigen Energieträger neben Strom etabliert, und zwar mit allen Optionen, die zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: Wir brauchen die Entpolitisierung der Diskussion um die Herstellung von klimaneutralem Wasserstoff. Es geht nicht um „entweder...oder“, es geht um „sowohl...als auch“.

Welche Rolle spielt die Pandemie?

Klimaschutz wird das Topthema der kommenden Jahrzehnte bleiben. Experten schätzen, dass 2020 infolge der Pandemie der Energieverbrauch weltweit um sechs und in Deutschland um rund neun Prozent zurückgegangen ist. Bei den CO2-Emmissionen haben wir hierzulande zwölf Prozent Rückgang. Das zeigt, wie hoch der Energiebedarf ist – unabhängig von den gesellschaftlichen Einschränkungen, die wir seit einem Jahr erleben. 

Aber durch die Pandemie werden sich auch politische Debatten verschieben. Angesichts volkswirtschaftlicher Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und ernsthafter Existenznöte bin ich mir sicher: Klimaschutzmaßnahmen, die nicht unmittelbar zu mehr Wertschöpfung und Arbeit führen, werden in Ländern, die nicht 

so gut entwickelt sind wie Deutschland, stark unter Druck geraten. Selbst bei uns könnte die große Akzeptanz, die der Klimaschutz genießt, von vielen Menschen in Frage gestellt werden. Ein Grund mehr, integrierte und gesellschaftlich überzeugende Lösungen dafür zu entwickeln.

18. Mär 2026

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Gesellschaft

Hören macht klug

Kaum läuft der Lieblingssong, wird aus dem Kinderzimmer eine Bühne. Es wird gehüpft, getanzt, gerappt und mitgesungen. Musik bringt positive Energien ins Leben – und kann noch viel mehr: Musik stärkt das Arbeitsgedächtnis von Kindern, also die Fähigkeit, Informationen kurzzeitig zu speichern und zu verarbeiten. Damit Kinder neue Inhalte verstehen und anwenden können, braucht das Arbeitsgedächtnis eine ausreichend große Kapazität. Ist diese noch nicht altersgemäß entwickelt, kann das Lernen zur Herausforderung werden. Musik wirkt da im Kopf wie Fitness. Als gezieltes Gedächtnistraining, mit der die geistige Leistungsfähigkeit, schon im Vorschulalter, gefördert und somit das spätere Lernen erleichtert wird. Hörspiele ergänzen diese Reise in die Klangwelt: Kinder konzentrieren sich auf das gesprochene Wort und lernen Geschichten aus Stimmen, Geräuschen und Musik zu visualisieren. Statt auf Bilder zu schauen, erschaffen sie diese selbst im Kopf. Das fördert die Fantasie, Sprachentwicklung und Konzentration. Auch Singen macht Sprache lebendig. Mit Reimen, Wiederholungen und eingängigen Melodien entdecken Kinder neue Wörter und Satzmuster ganz intuitiv. Dabei wächst nicht nur ihr Sprachgefühl, sondern auch das Wir-Gefühl: Beim gemeinsamen Singen hören sie aufeinander, reagieren im Takt und erleben echtes Miteinander. Wenn die Musik dann in Bewegung übergeht, wird aus Rhythmus Körpergefühl. Tanzen stärkt Motorik, Koordination und Selbstvertrauen. >Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Was sich in den letzten Jahren deutlich verändert hat, ist die musikalische Sprache, in der all das passiert. Moderne Kinderlieder lösen sich zunehmend vom pädagogischen Zeigefinger und suchen die Nähe zur Popkultur. Statt bravem Gitarrenfolk vom Pädagogen in Latzhose mit Mitmachliedern übers Zähneputzen, erklingen Hip-Hop-Beats, Indiepop und Reggae-Grooves. Die Texte greifen Themen auf, die Kinder beschäftigen: Familienalltag, Freundschaft, kleine Wutanfälle oder erzählen vom Mut, das erste Mal auf dem Fahrrad zu fahren. Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Und ja – wenn das Lieblingslied zum hundertsten Mal läuft, nervt es vielleicht ein bisschen weniger, wenn der Text nicht von Reimen auf Hände waschen handelt, sondern davon, dass Eltern auch nur Menschen sind. Was einen Song besonders „kindertauglich“ macht, ist trotzdem eine Wissenschaft. Laut einem Bericht der New York Post¹ haben Forschende aus Sheffield herausgefunden, dass dazu ein Tempo zwischen etwa 60 und 120 BPM gehört, also ein Rhythmus, bei dem es sich gut mitwippen lässt; eingängige Wiederholungen sowie eine klare, positive Klangstruktur. Kommt Ihnen bekannt vor? Das sind genau die Zutaten, die es für einen guten Ohrwurm braucht. ¹ New York Post: „‘Radio Ga Ga’ is scientifically proven to be a perfect kids song“, 6. August 2024.