16. Sep 2026
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Business
Journalist: Kirsten Schwieger
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Foto: Klaus Vyhnalek
Die Zukunftsforscher Matthias und Tristan Horx im generationsübergreifenden Interview über die Transformation des deutschen Mittelstands.
Worauf muss der Mittelstand reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Matthias Horx (MH): Wir leben in einer Transformationszeit, in der viele Geschäftsmodelle schlichtweg nicht mehr funktionieren. Man muss sich mit der Frage konfrontieren: Ist mein Geschäft so, wie es in den letzten 20 bis 40 Jahren gewachsen ist, eigentlich noch sinnvoll? Hat es noch seinen Platz in einer völlig veränderten Umwelt? Denn diese wird technologisch, soziologisch und auf vielen anderen Ebenen momentan eklatant umgekrempelt.
Wie sehen Sie das, Tristan: Hat der Mittelstand den gesellschaftlichen Wandel verschlafen? Tristan Horx (TH): Also das würde ich auch nicht so schwarzmalen. Es ist momentan nur diese schwierige Phase der Generationsübergabe plus das langsame Verlassen des fossilen, industriellen Zeitalters, die das Ganze ein bisschen schwierig machen – eine Komplexitätsüberladung. Jetzt muss man sich eben anpassen. Wenn man allerdings alle Ansprüche und Veränderungswünsche der jungen Generation als Faulheit oder Sonstiges abtut, wird sich da nichts ändern. Die Balance zu finden aus dem Alten, das sinnvoll war und dem Neuen, das gut ist: das sollte der Mittelstand eigentlich können. Er hat zumindest den Vorteil, dass er ein bisschen agiler ist als die größeren Tanker. Es gibt viele Beispiele, wo ein strategischer Wechsel gut gelaufen ist. Nicht ganz zu Unrecht ist Deutschland noch immer die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt.
Menschen durch KI zu ersetzen, ist eine der Märchenwolken unserer Zeit.
Womit beginnt echte Transformation? MH: Damit, dass man aufhört, die Welt, die Regierung, die Bürokratie, zu beklagen. Wenn man das loslässt und sich der Zukunft zuwendet und diese als eine Dimension in sein Denken und Handeln einbezieht. Ich kenne mittelständische Unternehmen, die einmal im Jahr Visionstage machen: Wie könnte unser Geschäft ganz anders aussehen? Wie wäre es dann erfolgreich? Was ist unser Purpose? Diese gedankliche Arbeit – die Herstellung des Neuen – ist ja eigentlich der Kern der Unternehmerarbeit. Und das hat eben sehr viele Dimensionen – und beginnt im Verhältnis zu den Mitarbeitern. Ein Unternehmen muss eine gewisse Aura entwickeln, eine Faszination, ein Narrativ. Und dafür muss man in Zukunft, wenn die Arbeitskräfte immer knapper werden, eine Sprache finden.
Apropos Fachkräftemangel: Welche Rolle spielt die KI dabei? TH: Eine bedingte. Um die Bürokratie zu verschlanken, lässt sich KI sehr sinnvoll nutzen, denn Bürokratie ist ein datengetriebenes Business. Im Kommunikationsbereich wird das mit diesem alten, industriellen Lohnarbeitsmodell scheitern: nicht auf technologischer Ebene, sondern auf kultureller. Weil es keine Incentivestruktur dafür gibt, wenn jemand seine Arbeit dreimal so schnell schafft. Er wird dann mit mehr Arbeit bestraft. Und alle Einsteigerjobs von KI machen zu lassen, wäre ein ziemliches Leben auf Pump. In vier, fünf Jahren hätte man dann ein Loch im Unternehmen. Darüber wird noch ein ziemlicher Generationenkonflikt entstehen.
MH: Ja, die KI ist ein zweischneidiges Schwert, das wir noch nicht zu führen gelernt haben. Einerseits kann sie Effizienzen beschleunigen, während gleichzeitig das ganze Organisationsgefüge auseinanderbrechen kann. KI ist ein gigantischer Hype und ein riesiges Versprechen, dass alles extrem viel produktiver wird und dass es uns dabei besser geht. Aber das ist mit Sicherheit nicht die Wahrheit. Die Implementierung von KI erfordert ein tiefgründiges Nachdenken darüber, wo das wie sinnvoll ist. In der Produktion mit Sicherheit, in der Kommunikation generiert sie unfassbare Schnittstellenprobleme. Menschen durch KI zu ersetzen, ist eine der Märchenwolken unserer Zeit.
Die Balance zu finden aus dem Alten, das sinnvoll war und dem Neuen, das gut ist: das sollte der Mittelstand eigentlich können.
Wo ist die Politik gefragt? MH: Ich finde, dass die Regierung das ganz gut macht in den einzelnen Feinjustierungen, die man als Staat machen kann. Aber der Staat ist nicht dafür da, neues Wirtschaftswachstum zu erzeugen. TH: Aus der jungen Perspektive finde ich, dass der Staat jetzt mal eine wirtschaftliche Zukunftsvision zeigen sollte. Und: Wenn nur Politik für Rentner gemacht wird, dann werdet ihr die Jungen verlieren. Was bereits passiert. Aber wenn die alle nur AfD und Linke wählen, dann können wir das Land wirtschaftlich in der Pfeife rauchen. Auch die Lüge des Bürokratieabbaus sollte man mal beiseitelassen. Man wird die Bürokratie nicht abgebaut bekommen – die Welt, die Wirtschaft wird immer komplexer.
Wie sieht der deutsche Mittelstand 2040 aus? MH: Ich glaube, der Mittelstand wird das bleiben, was er immer war, nämlich eine große Mischung unterschiedlicher Lebens- und Unternehmenskonzepte, die mit der Gesellschaft, mit sich selbst und mit der Umwelt interagieren. Dabei wird es immer einen Anteil geben, der zurückbleibt, weil er in alten Konzepten und Modellen verhaftet ist. Und es wird immer einen Teil geben, der diese Adaptionsleistung vollbringt. TH: Ich bin optimistisch oder wütend genug und sage: Bis 2040 wird die Generationsübergabe sehr wahrscheinlich funktioniert haben. Der Mittelstand wird auch wesentlich digitaler sein und postfossil. Wenn man die kommunikative Barriere überkommt, dann läuft's. Oft ist es nur ein Übersetzungsproblem – Generationsklischees, die sich überwinden lassen. Und dann wird das Ding schon laufen. Ich bin da wirklich optimistisch.
Die Familie Horx wohnt in einem raumschiffähnlichen Gebäudeensemble am Stadtrand von Wien, dem Future Evolution House, das die Familie mit zwei Söhnen selbst entworfen hat. Inklusive Haushund SPUD, einer hyperaktiven Welpin, die auf dem Rasen des Anwesens genüsslich Kleidungsstücke und Pappkartons zerlegt.