Diesen Artikel teilen:

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Der Keller wird zum Kraftwerk

Journalist: Thomas Soltau

|

Foto: Getty Images/unsplash

Deutschlands Wärmewende kommt dort voran, wo es selten glamourös wird: im Heizungskeller. Neue Technik verändert grundlegend, wie wir künftig Wärme erzeugen.

Wer über die Energiewende spricht, schaut gern nach oben: auf Windräder, Solardächer oder Stromleitungen. Dabei entscheidet sich ein großer Teil des Umbaus ein paar Treppenstufen tiefer. Mehr als die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs entfällt auf Wärme und Kälte. Die Frage, wie Gebäude und Unternehmen künftig heizen, ist deshalb kein Nebenschauplatz. Der Heizungskeller macht nur selten Schlagzeilen. An Bedeutung mangelt es ihm nicht. Und dort ist einiges in Bewegung. Wärmepumpen haben sich im Neubau vom Exoten zum Standard entwickelt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nutzten 73,6 Prozent der 2025 fertiggestellten Wohngebäude hauptsächlich diese Technik.

Auch Geothermie gewinnt an Gewicht. Sie nutzt Wärme aus dem Untergrund, die unabhängig davon verfügbar ist, ob gerade die Sonne scheint oder der Wind eine Pause einlegt. Doch Neubauten sind der einfachere Teil der Aufgabe. Die eigentliche Wärmewende findet im Bestand statt, der sich nicht auf dem Reißbrett neu planen lässt. Dort gibt es keine Technik, die überall gleichermaßen passt. Deshalb rückt Fernwärme stärker in den Blick. Wärmenetze können etwa Geothermie und industrielle Abwärme einbinden. Was vor Ort sinnvoll ist, hängt von den Gegebenheiten und der vorhandenen Infrastruktur ab. Wärmewende bedeutet damit weniger, eine Siegertechnologie auszurufen, als passende Lösungen für unterschiedliche Standorte zu finden.

Wärmewende bedeutet damit weniger, eine Siegertechnologie auszurufen, als passende Lösungen für unterschiedliche Standorte zu finden.

Auch die kommunale Wärmeplanung schafft Orientierung. Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern mussten bis Ende Juni 2026 Wärmepläne vorlegen, kleinere Kommunen haben grundsätzlich bis Mitte 2028 Zeit. Damit zeichnet sich klarer ab, wo Wärmenetze sinnvoll sind und wo eher dezentrale Lösungen infrage kommen. Planung ersetzt zwar noch keine neue Heizung. Sie verhindert im besten Fall aber, dass jeder auf eigene Faust im Nebel stochert. Für die Wirtschaft zählt das ebenfalls. Unternehmen brauchen verlässliche Wärme für Gebäude und Produktionsprozesse. Energiepreise und CO₂-Kosten beeinflussen ihre Wettbewerbsfähigkeit. Effiziente Wärmeerzeugung verbindet deshalb Klimaschutz mit einer langfristigen Standortstrategie.

Jetzt kommt es auf Pragmatismus an. Nicht jede alte Heizung muss morgen raus und nicht jede Straße übermorgen für ein Wärmenetz aufgebaggert sein. Entscheidend ist, dort zu investieren, wo neue Technik dauerhaft Wirkung entfaltet. Die Lösungen dafür stehen längst bereit und entwickeln sich weiter. Damit rückt nach Windparks und Stromtrassen nun der unscheinbare Heizungskeller ins Zentrum der Energiewende. Glamourös ist das noch immer nicht. Doch wenn Häuser effizienter heizen, Unternehmen ihre Energiekosten besser im Griff haben und Städte ihre Wärmeversorgung klug planen, kann aus dem Keller ziemlich viel Zukunft kommen.

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.