29. Sep 2026
|
Wirtschaft
Journalist: Jakob Bratsch
|
Foto: BDI / Jana Legler
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Eine aktuelle Studie des BDI und der Boston Consulting Group zeigt: Die Circular Economy ist keine ökologische Pflichtaufgabe, sondern einer der größten industriellen Hebel für nachhaltiges Wachstum, die uns verbleiben.
Resilienz wird heute oft verkürzt auf die Frage der Rohstoffabhängigkeit gedacht, und tatsächlich sind die Zahlen alarmierend: Bei Lithium, Nickel und Seltenen Erden liegt Deutschlands Importquote bei über 99 Prozent, allein 66 Prozent der Seltenen Erden kamen 2024 aus China. Doch Resilienz ist mehr als Rohstoffabhängigkeit. Als Liefernetzwerke 2021 ins Stocken gerieten oder sogar zusammenbrachen, kostete das die deutsche Industrie rund 40 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung. Zirkuläre Wertschöpfung verkürzt Wege, senkt die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten und macht Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber genau solchen Schocks. Bis 2045 ließe sich die Importquote bei Seltenen Erden um 20 bis 40 Prozent und bei strategischen Batteriematerialien um 10 bis 15 Prozent senken. Resilienz entsteht so nicht allein am Rohstofflager, sondern in der gesamten industriellen Struktur.
Doch ohne betriebswirtschaftlichen Realismus wird uns der Sprung ins zirkuläre Zeitalter nicht gelingen. Der Übergang kostet: rund 20 Milliarden Euro Investitionen in zirkuläre Infrastruktur sind bis 2045 mindestens nötig, nur drei bis vier Prozent des jährlichen Industrie-Investitionsvolumens, volkswirtschaftlich betrachtet meist amortisiert in wenigen Jahren. Trotzdem zögern viele Unternehmen, denn die klassische Investitionsrechnung rechnet zirkuläre Projekte oft ärmer, als sie sind: Sie erfasst den ersten Verkauf, aber nicht den Wert, der über mehrere Nutzungszyklen entsteht, die Absicherung gegen Rohstoffpreisschwankungen und der Beitrag zum Klimaschutz, die Robustheit gegenüber Lieferkettenausfällen, die engere Kundenbindung durch wiederkehrende Rücknahme- und Servicekontakte.
Wer das nicht mitrechnet, unterschätzt zirkuläre Investitionen systematisch. Entscheidend ist deshalb, zirkuläre Strategien als unternehmerisches Kerngeschäft zu denken, beginnend beim Produktdesign – langlebig, reparierbar, wiederverwendbar – und fortgesetzt im Geschäftsmodell: Remanufacturing und Refurbishment haben, gerade bei langlebigen Gütern, schon heute das Potenzial, auskömmliche Margen zu erzielen. Es geht insgesamt nicht darum, Idealismus gegen Wirtschaftlichkeit auszuspielen. Vielmehr muss sich die Wirtschaftlichkeit noch viel stärker in der Gesetzgebung widerspiegeln, die Zirkularität für Unternehmen ermöglichen soll. Denn am Ende muss der Rahmen für unternehmerisches Handeln stimmen, damit Investitionen in den Kreislauf ausgelöst werden. Wir wollen nicht in eine Compliance-Wirtschaft zum Selbstzweck hineinlaufen, sondern einen innovativen und positiven zirkulären Geist entfachen. Die drei Linien Wachstum, Resilienz und wirtschaftliche Tragfähigkeit gehören daher untrennbar zusammen.
Resilienz entsteht so nicht allein am Rohstofflager, sondern in der gesamten industriellen Struktur.