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29. Sep 2026

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Zeit für ein neues Selbstverständnis: Aufbruch in die industrielle Phase der Energiewende – mit Dr. Frank May, CEO von Alterric

Journalist: Jakob Bratsch

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Foto: © Alterric

Die Zahlen sind eindeutig: Erneuerbare Energien liefern heute den Löwenanteil des deutschen Stroms. Und trotzdem wird manchmal so debattiert, als sei die Energiewende ein Projekt für gute Zeiten, ein Luxus, den man bei nächster Gelegenheit auch wieder einkassieren könnte. Ein fataler Irrtum, wie ein Blick auf die Weltwirtschaft zeigt. Andere Industrienationen bauen ihre Energieversorgung längst radikal um. Aus gutem Grund: Wer keinen günstigen, sauberen Strom hat, verliert den Anschluss.

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Dr. Frank May, CEO von Alterric

Erneuerbare Energie ist die harte Währung für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Und die Branche ist bereit, mehr zu investieren, mehr saubere und günstige Energie bereitzustellen. Doch die PS kommen nicht auf die Straße, solange der Netzausbau hinter den eigenen Zielen hinterherhinkt. Für Erzeuger ergibt sich daraus notgedrungen ein Paradigmenwechsel: Vom reinen Mengenziel hin zu maximaler Systemeffizienz. Es gilt, aus der bestehenden Infrastruktur das Maximum herauszuholen und im Dickicht überforderter Netze, zäher Verfahren und in einem Flickenteppich aus Zuständigkeiten die Energiewende vorantreiben.

Einer, der mit dieser Herausforderung täglich zu tun hat, ist Dr. Frank May, CEO von Alterric, einem der führenden deutschen Unternehmen im Bereich Windenergie. Im Gespräch erklärt er, wie man aus der Not des mangelnden Netzausbaus eine Tugend macht, wie man die Energiewende in eine neue Phase führt und warum er von der Politik mehr Mut zur Veränderung erwartet.

Ist die Branche im Krisenmodus, oder ist das übertrieben? Die Zeiten sind herausfordernd, keine Frage. Hohe Kosten, volle Netze und eine Politik, die keine verlässliche Richtung vorgibt. Aber ein Krisenfall? Nein. Erneuerbare Energien sind das Fundament, auf dem der Wirtschaftsstandort Deutschland künftig stehen muss. Wir brauchen nach wie vor entschlossenen Zubau. Aber statt bloßem Mengenwachstum nach der Logik, dass jede Kilowattstunde zählt, geht es jetzt stärker um Systemeffizienz und Industrialisierung: Kapazitäten optimal planen und aus der Infrastruktur das Maximum herausholen. Aus jeder Anlage, jedem Quadratmeter, jedem Netzanschluss. Viele Netzbetreiber hinken ihrem eigenen Ausbauauftrag drastisch hinterher, das ist ein handfestes Pro-blem. Aber wir können nicht warten, bis alle ihre Hausaufgaben gemacht haben. Wir müssen aus dem, was heute da ist, das Beste machen. Und uns nicht verunsichern lassen von nicht aufeinander abgestimmten Gesetzesvorschlägen.

Wie machen Sie das konkret, auch in Ihren eigenen Windparks? Ein Netzanschluss darf nicht brachliegen, nur weil eine Anlage gerade nicht im Vollbetrieb laufen kann. Mit klugem Zusammenspiel aus Technologien und Speichern holen wir mehr Strom aus der gleichen Infrastruktur. Außerdem bauen wir auch nicht einfach Windräder in die Landschaft und gut ist. Wir bauen relevante Infrastruktur für dreißig Jahre. Deshalb schauen wir sehr früh und sehr genau, wo eine Anlage am meisten Ertrag bringt und stimmen jedes Bauteil aufeinander ab. Das zahlt sich über die Jahre aber aus. Wir nennen das Value Engineering, die insgesamt beste Lösung über die gesamte Laufzeit.

Erneuerbare Energien sind das Fundament, auf dem der Wirtschaftsstandort Deutschland künftig stehen muss.

Was heißt Industrialisierung der Branche für Sie? Nicht jeder Windpark muss identisch sein. Aber wir sollten das Rad nicht bei jedem Projekt neu erfinden müssen. Digitalisierung bietet enorme Chancen: zentrale Überwachung, frühzeitiges Erkennen von Störungen, gezieltere Wartung. Das spart Geld und erhöht die Versorgungssicherheit. Was wir aber nicht selbst lösen können: über 800 Verteilnetzbetreiber und nahezu genauso viele verschiedene Prozesse, Vorgaben und Formulare. Das kann sich Deutschland nicht mehr leisten.

Glauben Sie an ein Energiesystem, das komplett auf Erneuerbaren läuft? Ja, perspektivisch ist das absolut realistisch – als intelligentes Gesamtsystem aus kombinierten Wind-, Solar- und Speicherkraftwerken, steuerbaren Kapazitäten mit nachhaltigen Brennstoffen und einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Die Technik ist längst da. Wir liefern seit Jahren Leistungen, die früher nur Kohle- und Gaskraftwerke erbringen konnten, etwa zur Netzstabilität. Wir bauen Speicher in unsere Windparks und betreiben eigene Umspannwerke. Die Frage ist nicht mehr, ob Erneuerbare das können. Sondern wie wir dieses neue System am besten organisieren. Umso ärgerlicher, dass die aktuellen Pläne der Bundesregierung die Vermarktung von Windstrom am freien Markt unattraktiver machen.

Welche Rolle spielen dabei Stadtwerke und Unternehmen wie Alterric, und was erwarten Sie von der Politik? Die Energiewende schafft keiner allein. Zehn Gigawatt Zubau pro Jahr, das stemmen weder die Großen noch die Kleinen für sich. Trotz unserer Größe sind wir mit unseren Teams tief vor Ort verwurzelt, ohne das Vertrauen der Menschen geht nichts. Was wir zusätzlich mitbringen, ist die Kraft für die Industrialisierung der Branche: digitale Systeme, finanzielle Stabilität, professionelle Prozesse.

Und an die Politik richte ich folgenden Appell: Streiten wir gerne über den besten Weg, aber beenden wir die Scheindebatten. Energiewende und wirtschaftlicher Erfolg sind längst zwei Seiten derselben Medaille. Überall auf der Welt schalten Industrienationen auf günstige, saubere Energie um. Wir haben in Deutschland alle Trümpfe in der Hand, um ganz vorne mitzuspielen: kluge Köpfe, starke Unternehmen und verlässliche Technologie. Packen wir es an und machen die Energiewende zum Wachstumsmotor des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

29. Sep 2026

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Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.