Diesen Artikel teilen:

24. Sep 2026

|

Wirtschaft

Der Weg zur CO₂-freien Produktion

Journalist: Julia Butz

|

Foto: Getty Images/unsplash

Klimaneutralität ist nicht nur eine Frage der Energie. Biobasierte Bausteine schaffen neue Perspektiven für eine defossilisierte chemische Produktion.

Heute stammt ein großer Teil des Kohlenstoffs für die chemische Industrie aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Wenn fossile Rohstoffe gefördert und am Ende verbrannt werden, gelangt zusätzliches CO₂ in die Atmosphäre. Doch Kohlenstoff muss nicht fossil sein: Er kann auch aus Biomasse wie Pflanzen, Holz, organischen Abfällen oder recycelten Kunststoffen gewonnen werden. Die zentrale Herausforderung besteht darin, neue Kohlenstoffquellen so zu etablieren, dass eine klimaverträgliche und gleichzeitig wettbewerbsfähige Produktion im Industriemaßstab möglich ist.

Defossilisierung ist weit mehr als eine Klimafrage.

In der Chemieindustrie ist der Einsatz erneuerbarer Rohstoffe bislang deutlich weniger stark reguliert als beispielsweise im Biokraftstoffmarkt. Erste europäische Ansätze für Recycling- und biobasierte Quoten zeigen jedoch: Auch regulatorisch kommt Bewegung in den Markt. Noch wird der Wandel nicht flächendeckend per Vorgabe erzwungen, aber er wird zunehmend zur strategischen Notwendigkeit – mit der Frage, wie die Industrie ihre Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduziert und ihre Rohstoffbasis langfristig breiter und resilienter aufstellt. Wie schnell Abhängigkeiten zum Problem werden können, zeigen die aktuellen Ausfälle und langen Wiederanlaufzeiten von Chemieanlagen in der Golfregion: Rund 50 Großanlagen stehen derzeit still. Nach Einschätzung von Experten kann es sechs bis 18 Monate dauern, bis sie nach dem Ende des Konflikts wieder lieferfähig sind. Für einen schnellen Neustart fehlen zudem Personal, Material und Schiffskapazitäten. Eine regionale, erneuerbare Rohstoffbasis schafft zusätzliche Bezugsquellen und macht Lieferketten robuster. Defossilisierung ist damit weit mehr als eine Klimafrage. Sie wird zur Frage von Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und strategischer Unabhängigkeit. Für die deutsche Chemieindustrie kann sie ein zentraler Hebel sein, um den Standort wieder zukunftsfähiger aufzustellen. Das Prinzip „Local for Local“ bringt es auf den Punkt: Rohstoffe dort erzeugen und verarbeiten, wo sie gebraucht werden, statt Abhängigkeiten über lange Lieferketten weiter zu verlängern.

Wie schnell Abhängigkeiten zum Problem werden können, zeigen die aktuellen Ausfälle.

Natürlich können fossile Rohstoffe bei niedrigen Rohölpreisen durchaus einen Kostenvorteil haben. Das Problem ist: Dieser Vorteil ist nicht besonders stabil. Rohstoffpreise reagieren auf globale Nachfrage, Angebotsengpässe und geopolitische Entwicklungen – und können sich entsprechend schnell verändern. Bei biobasierten Rohstoffen ist die Ausgangslage eine andere. Die Kosten sind stärker an die realen Erzeugungsbedingungen landwirtschaftlicher Rohstoffe gebunden und durch die regionale Erzeugung und Verarbeitung weniger unmittelbar von abrupten geopolitischen Preissprüngen betroffen. Wenn der Rohölpreis deutlich steigt, kann sich das Verhältnis sogar umkehren. Dann können biobasierte Lösungen nicht nur wettbewerbsfähig, sondern auch günstiger sein. Doch Versorgungssicherheit und der Aufbau neuer Rohstoffstrukturen sind keine Aufgaben für den nächsten Preiszyklus. Wer diese Strukturen erst dann aufbaut, wenn fossile Rohstoffe wieder teuer werden, handelt möglicherweise zu spät.

Factbox

Dekarbonisierung wird oft als vollständige Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre verstanden. Dabei sind Kohlenstoff und Sauerstoff natürliche und unverzichtbare Bestandteile des Lebens. Präziser ist daher der Begriff Defossilisierung: die Beendigung des CO₂-Ausstoßes aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe.

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.