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16. Dez 2025

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Wirtschaft

Die Energiewende ist kein Kostenfaktor, sondern ein Investitionsprogramm in unsere Zukunft – mit Dr. Claudia Kemfert

Journalist: Katja Deutsch

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Foto: Reiner Zensen

Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre forscht sie zu den Themen Klima-, Energie- und Verkehrspolitik und entwickelt auf Basis empirischer Markt- und gesamtwirtschaftlicher Analysen quantitative Modelle, um die volkswirtschaftlichen Folgen von Klimawandel und Klimaschutz zu bewerten. Ihre Forschung zeigt, dass die Kosten vorbeugender Klimaschutzmaßnahmen deutlich geringer sind als die potenziellen Schäden durch den Klimawandel. Im Interview spricht Prof. Dr. Claudia Kemfert über die Fortschritte, Chancen und Herausforderungen beim Erreichen der Klimaziele.

Frau Prof. Dr. Kemfert, beim Strom funktioniert die Abdeckung mittlerweile ganz gut: 2024 stammten 54,4 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien. Anders sieht es bei der Wärme (18,1 Prozent) und vor allem beim Verkehr (7,2 Prozent) aus. Woran hakt es hier vor allem?

Im Wärmesektor fehlt es an Tempo, klaren Vorgaben und Investitionen. Wärmenetze, Sanierungen und Wärmepumpen kommen zu langsam voran. Viele Kommunen haben ihre Wärmeplanung noch gar nicht begonnen. Im Verkehr bremsen alte Strukturen: Wir subventionieren weiter Verbrenner über Dienstwagen- und Dieselprivilegien und investieren zu wenig in Bahn, Bus und E-Mobilität. Solange diese Fehlanreize bestehen, bleiben Wärme und Verkehr die Schwachstellen der Energiewende.

Am 15. September 2025 hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche einen 10-Punkte-Plan zur Neuausrichtung der Energiewende vorgestellt. Wie bewerten Sie diesen? Sind Gaskraftwerke tatsächlich nachhaltig?

Der Plan enthält einige richtige Ansätze – etwa zur besseren Koordination von Netzen, Speichern und Digitalisierung –, setzt aber falsche Schwerpunkte. Der geplante massive Ausbau neuer Gaskraftwerke ist ein Irrweg. Gas ist keine Brücke, sondern eine Sackgasse. Es verlängert fossile Abhängigkeiten und blockiert Investitionen in wirklich nachhaltige Lösungen. Grüner Wasserstoff wird zwar eine wichtige Rolle spielen, steht aber mittelfristig nicht in ausreichender Menge zur Verfügung und sollte vorrangig in der Industrie genutzt werden. Statt Milliarden in neue fossile Infrastruktur zu lenken, sollten wir auf eine Kombination aus nachhaltiger Biomasse, Speichern, Flexibilität und Digitalisierung setzen.

Besonders in Norddeutschland, wo der Ausbau der Windenergie bereits weit vorangeschritten ist, wird befürchtet, dass dieser Plan die Energiewende vor Ort gefährdet. Sehen Sie das genauso?

Ja, absolut. Wer früh in Windenergie investiert hat, darf nicht bestraft werden. Der Plan darf nicht dazu führen, dass ausgerechnet die Vorreiterregionen ausgebremst werden. Statt Obergrenzen und restriktiver Regeln brauchen wir Anreize für Speicher, Elektrolyse und Wärmenetze genau dort, wo der grüne Strom entsteht. Der Norden kann zum Energiemotor Deutschlands werden – wenn man ihn lässt.

Was fordern Sie von der Politik, um der Transformation hin zu erneuerbaren Energien mehr Schwung zu verleihen?

Wir brauchen mehr Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Mut. Die Strombedarfsprognosen müssen realistisch sein – die Energiewende gelingt nur mit deutlich mehr Strom aus Erneuerbaren. Außerdem braucht es klare Strategien für Speicher, Flexibilitätsmärkte und eine verbindliche Wärmeplanung in allen Kommunen. Bürgerenergie, Mieterstrom und Genossenschaften müssen gestärkt statt geschwächt werden. Die Energiewende ist kein Kostenfaktor, sondern ein Investitionsprogramm in unsere Zukunft, das Wirtschaft, Klima und soziale Gerechtigkeit verbindet.

Was hat die Wirtschaft für Hebel, um dieses Ziel zu erreichen? Werden Unternehmen ihrer Verantwortung gerecht?

Unternehmen können viel bewirken – durch Energieeffizienz, Elektrifizierung, grüne Beschaffung und Investitionen in eigene Erneuerbare. Immer mehr Betriebe tun das auch, aber noch nicht in dem nötigen Umfang. Wer jetzt handelt, spart langfristig Kosten und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Klimaschutz ist längst ein Standortvorteil, kein Risiko.

Wo sehen Sie neue, vielversprechende Geschäftsfelder?

Überall dort, wo Klimaschutz Innovation beflügelt: bei Großwärmepumpen, saisonalen Speichern, Power-to-Heat, nachhaltiger Biomasse, Recycling und digitalen Energiediensten. Die Zukunft liegt in einem flexiblen, intelligent vernetzten Energiesystem, das vollständig auf Erneuerbaren basiert. Wer heute in diese Technologien investiert, sichert nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch unsere Energieunabhängigkeit und zukunftsfähige Jobs.

Fun Facts

Claudia Kemfert … liebt Bewegung – mit dem Fahrrad durch Berlin, mit der Bahn durchs Land. … findet Ruhe im Grünen und Kraft an der Nordsee. … verwandelt Gegenwind in Energie – immer.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.