24. Sep 2026
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Wirtschaft
Journalist: Thomas Soltau
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Foto: Presse, Getty Images/unsplash
Prof. Dr. Yasmin Weiß ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg und eine der profiliertesten Expertinnen für die Zukunft der Arbeitswelt. Sie beschreibt, weshalb KI nicht nur Prozesse verändert, sondern auch den Blick auf Arbeit, Führung und Kompetenzen grundlegend neu ordnet.

Prof. Dr. Yasmin Weiß, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg
Aus Job Security wird Skill Security, so lautet eine Ihrer Thesen. Ist Deutschland auf diesen Perspektivwechsel überhaupt vorbereitet oder halten Unternehmen und Politik noch zu sehr an alten Denkmustern fest? Wir kommen ja aus einer Zeit – zumindest wenn wir die Zeit nach Ende der Finanzkrise und vor Eintritt der Corona-Pandemie betrachten – in der wir ökonomisch prosperierende Jahre erlebt haben. „Status-Quo“-Orientierung als Denk- und Verhaltensmuster hat sich in diesen Jahren in vielen Köpfen verfestigt, als könne man Wohlstand festhalten, ohne sich verändern zu müssen. Das funktioniert nicht mehr. Wer zukünftig einen sicheren Job haben möchte, setzt nicht auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Jobgarantie, sondern auf „Radical Adaptability“. Damit meine ich die Kombination aus Anpassungsbereitschaft, Lernfähigkeit und die Flexibilität, neue Rollen anzunehmen.
Der Fachkräftemangel dominiert die Debatte. Wäre es ehrlicher, künftig weniger über fehlende Menschen und stärker über fehlende Kompetenzen zu sprechen? Wir werden zukünftig sehr wahrscheinlich weniger Menschen benötigen, diese jedoch mit mehr Kompetenzen. Eine übergreifende Kompetenz, die für unsere menschliche Zusammenarbeit mit KI besonders wichtig wird, ist „Human Agency“. Damit sind Zielformulierung, Kontroll- und Urteilsfähigkeit, kritisches Denken, ethisches Bewerten und Verantwortungsübernahme bei der Zusammenarbeit mit KI gemeint. Zu „Human Agency” gehört auch, dass jeder Mitarbeiter zum „Chief Question Officer” seiner persönlichen „Agent Workforce” wird, die darauf spezialisiert ist, die richtigen Antworten zu geben, während der Mensch die richtigen Fragen stellt.
Wer zukünftig einen sicheren Job haben möchte, setzt nicht auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Jobgarantie, sondern auf „Radical Adaptability“.
Agentic AI trifft auf klassische Unternehmensstrukturen. Was gerät zuerst unter Druck: Hierarchien, Führungsrollen oder das traditionelle Stellenprofil? In allen der genannten Bereiche wird es durch „Agentic AI“ Veränderung geben. Es macht nämlich wenig Sinn, KI-Agenten in bestehende Workflows zu integrieren. Vielmehr geht es um „Business Process Redesign“, also die Neustrukturierung von Prozessen. Damit verändern sich Hierarchien, Führung umfasst zukünftig auch die Orchestrierung einer agentischen Belegschaft und natürlich verändern sich Stellenzuschneidung und Anforderungsprofile für Menschen.
Lebensläufe verlieren an Aussagekraft, während sich Fähigkeiten immer schneller verändern. Brauchen Unternehmen eine völlig neue Vorstellung davon, woran sie Potenzial künftig erkennen? Wenn es eine „Superkompetenz“ im KI-Zeitalter gibt, dann ist das Lernfähigkeit. Letztere wird wichtiger als zurückliegendes Erfahrungswissen, was sich in Lebensläufen widerspiegelt.
Wer deutsche Unternehmen besucht, erlebt unterschiedliche Realitäten im Umgang mit KI. Welches Muster fällt Ihnen immer wieder auf, obwohl kaum jemand offen darüber spricht? Psychologisch ist es unmöglich, sich in etwas zu verlieben, vor dem man Angst hat. Viele Menschen haben „Angst“ vor KI in Bezug auf ihre Jobs. Ich sehe derzeit viele Unternehmen, die zu wenig Transparenz darüber schaffen, wie ihre Personalstrategie mit der KI-Strategie verknüpft ist. Damit sagen sie indirekt: „Verliebt Euch in eine Technologie, die das Potenzial hat, Euch zu ersetzen.“ Das kann nicht funktionieren.
Weitere Informationen in Prof. Weiß neuem Buch „Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt“ (Campus Verlag), das am 27. August erschienen ist.