24. Sep 2026
|
Gesundheit
Journalist: Armin Fuhrer
|
Foto: Presse
Der frühere Rad-Superstar Jan Ullrich musste sich nach einer Depression ins Leben zurückkämpfen. Heute weiß er: Ohne Hilfe geht das nicht.
Herr Ullrich, viele Männer tun sich schwer damit, über psychische Belastungen zu sprechen. Warum glauben immer noch so viele Männer, sie bräuchten keine Hilfe oder müssten eine Depression allein durchstehen? Und war das bei Ihnen auch so? Ja, das war bei mir genauso. Ich habe lange geglaubt, dass ich alles alleine schaffen muss. Gerade als Leistungssportler entwickelt man die Haltung, Schmerzen auszuhalten und Schwäche nicht zu zeigen. Heute weiß ich, dass genau das ein Irrtum ist. Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung – sich selbst und den Menschen gegenüber, die einem wichtig sind. Das war eine sehr wichtige Erkenntnis.
Unterscheidet sich nach Ihrer persönlichen Empfindung die Wahrnehmung von Depressionen bei Männern von der bei Frauen – sowohl bei den Betroffenen selbst als auch in ihrem Umfeld? Ich glaube schon, dass Männer häufig größere Schwierigkeiten haben als Frauen, ihre Gefühle zu zeigen. Viele wurden damit groß, Probleme mit sich selbst auszumachen. Das Problem ist dann, dass dadurch auch Angehörige oft erst spät erkennen, wie schlecht es jemandem wirklich geht. Umso wichtiger ist es, offen über psychische Gesundheit zu sprechen.
Was waren Ihre ersten stabilen Schritte nach der akuten Depression, um Ihre mentale Gesundheit langfristig zu stärken? Der wichtigste Schritt für mich war, Hilfe anzunehmen und mir Zeit zu geben. Es gab keine schnelle Lösung. Struktur im Alltag, regelmäßige Bewegung, Gespräche mit vertrauten Menschen und professionelle Unterstützung haben mir geholfen, wieder Vertrauen in mich selbst aufzubauen.
Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung – sich selbst und den Menschen gegenüber, die einem wichtig sind.
Männer definieren ihren Selbstwert oft stark über Leistung, Beruf oder ihre Rolle als Versorger. Bei Ihnen waren sicher Ihre sportlichen Erfolge. Wie gelang Ihnen nach Ihrer Depression ein gesünderer Umgang mit diesen Erwartungen? Ich musste lernen, dass mein Wert nicht von Siegen oder Erfolgen abhängt. Früher war der Sport fast meine ganze Identität. Heute weiß ich, dass Familie, Gesundheit und echte Beziehungen viel wichtiger sind. Diese Erkenntnis hat mich freier gemacht.
Welche Rolle spielen körperliche Aktivität, Bewegung und Routine bei der emotionalen Stabilisierung von Männern? Bewegung ist für mich bis heute ein wichtiger Baustein. Sport ist sehr wichtig, er kann den Kopf freimachen und gibt Struktur. Aber klar ist auch: Bewegung allein ersetzt keine Therapie. Sie ist Teil eines gesunden Lebensstils, genauso wie ausreichender Schlaf, gute Gespräche und ein stabiles soziales Umfeld.
Wie wichtig war für Sie, auf ein soziales Netz zurückgreifen zu können? Das war entscheidend. Niemand muss eine Depression alleine bewältigen. Familie, Freunde und Menschen, die ehrlich für einen da sind, können unglaublich viel Halt geben. Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen und mich auf andere zu verlassen.
Ich glaube schon, dass Männer häufig größere Schwierigkeiten haben als Frauen, ihre Gefühle zu zeigen.
Welche typischen Fehler oder Fallstricke beobachten Sie bei Männern, die sich nach einer Depression wieder „zurück ins Leben“ kämpfen wollen? Viele setzen sich zu früh wieder unter Druck und wollen sofort genauso funktionieren wie vorher. Heilung braucht aber Zeit. Es ist wichtig, kleine Fortschritte anzuerkennen und Rückschläge nicht als Niederlage zu sehen.
Welchen Rat geben Sie Angehörigen oder Freunden, die einen Mann nach einer Depression begleiten möchten – ohne ihn dabei zu bevormunden? Vor allem zuhören, Geduld haben und da sein. Man muss nicht immer Lösungen anbieten. Oft hilft es schon, wenn jemand spürt, dass er nicht alleine ist und akzeptiert wird, ohne bewertet zu werden.
Wenn Jan Ullrich mal vom Alltag abschalten möchte, verbringt er am liebsten Zeit mit seiner Familie oder ist draußen mit seinen Kindern mit dem Fahrrad unterwegs. Bewegung, Ruhe und gemeinsame Momente geben ihm Kraft und helfen ihm, den Blick auf das Wesentliche zu richten.