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27. Jun 2025

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Wirtschaft

Europa ist die Zukunft – mit Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstand-Bundes (DMB)

Journalist: Armin Fuhrer

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Foto: jakub zerdzicki/unsplash

Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstand-Bundes, bleibt hinsichtlich der deutschen Wirtschaft optimistisch.

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Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstand-Bundes (DMB)

Herr Tenbieg, die deutsche Wirtschaft kriselt derzeit. Wie kommt sie wieder in Schwung?

Wichtig ist zunächst, dass die Politik wieder verlässliche Rahmenbedingungen setzt. Die Wirtschaft läuft immer dann gut, wenn sie ungestört und vor allem verlässlich planen kann. Das Gleiche gilt für die Investitionssicherheit, die eine große Rolle spielt. Wir werden abwarten müssen, ob die neue Regierung das leisten kann.

Haben Sie weitere Forderungen?

Wir brauchen dringend Investitionen in die Infrastruktur. Ich hoffe, dass das Infrastrukturprogramm der schwarz-roten Koalition wirkt und sich als großes Investitionsprogramm herausstellen wird. Aber wir benötigen dringend auch eine Beschleunigung der Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren, eine Absenkung der Energiepreise und der Steuerbelastung. Und auch der Fachkräftemangel ist weiterhin ein großes Problem.

Die Wirtschaft läuft immer dann gut, wenn sie ungestört und vor allem verlässlich planen kann. Das Gleiche gilt für die Investitionssicherheit, die eine große Rolle spielt.

Sehen Sie auch Chancen in der Krise?

Jede Krise stößt etwas an – zum Beispiel die Digitalisierungswelle, die durch die Pandemie und den Fachkräftemangel angestoßen wurde. Und wir haben etwas, auf das wir uns konzentrieren können: Europa. Ich kann mir nicht vorstellen, dass deutsche Unternehmen jetzt massiv in den USA investieren. Sie werden mehr denn je abwarten. Schon jetzt gehen 55 Prozent des deutschen Exports in den europäischen Binnenmarkt. Die EU bietet eine gute Basis: Wir sind eine Wertegemeinschaft, haben Rechtssicherheit und bieten gute Absatzmärkte. Da ist noch viel zu holen, zum Beispiel über Kooperationen von Unternehmen aus verschiedenen EU-Staaten. Man muss nicht immer nur nach China und in die USA schielen, wenn die Chancen quasi vor der Haustür liegen.

Sie sind also optimistisch, was die Zukunft betrifft?

Wir haben in Deutschland längst wieder Statistiken, die aufwärts zeigen. So sind die Zahlen der Patente zuletzt ordentlich gestiegen, die Zahl der neu gegründeten Start-ups steigt ebenfalls wieder und in der E-Mobilität geht es endlich voran. Auch bei den erneuerbaren Energien spielen wir weit vorne mit. Ja, ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht.

Die EU bietet eine gute Basis: Wir sind eine Wertegemeinschaft, haben Rechtssicherheit und bieten gute Absatzmärkte.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.