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28. Jan 2026

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Gesellschaft

Lernfreude – Investition in die Zukunft der Arbeit – Im Interview mit Julia Tammeveski

Journalist: Gunnar von der Geest

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Foto: Presse

KI hat großen Einfluss auf unser Leben. Im Interview spricht Julia Tammeveski, Expertin für Human-Centered AI, über: Arbeit neu denken, KI sinnvoll nutzen – und Lernen für die Zukunft gestalten.

Frau Tammeveski, Sie beschäftigen sich intensiv mit den Chancen einer humanen KI-Transformation in Organisationen und der Bedeutung von lebenslangem Lernen. Außerdem sind Sie KI-Trainerin. Welche Frage wird Ihnen in puncto KI am häufigsten gestellt? Ganz oft kommt am Anfang die Frage: Welche drei KI-Tools sind die besten? Dann versuche ich stets den Mythos zu entkräften, dass man möglichst viele Tools kennen muss. Würden Sie sich einen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt anschaffen, ohne zu wissen, was Sie reparieren möchten? Zu Beginn sollte es darum gehen, eine solide KI-Kompetenz aufzubauen, die von einem grundlegenden Verständnis zu den Arbeitsweisen und Möglichkeiten von KI, über Risiken, Recht und Datenschutz, bis hin zu praktischer Anwendung reicht. Und um einen sicheren Zugang zu KI für alle Menschen im Unternehmen. KI ist ein holistisches Gebiet und bedeutet viel mehr als ChatGPT. KI ist kein Tool und kein technologisches Thema; sie verändert, wie wir arbeiten, entscheiden und lernen.

Viele sind fasziniert von den Möglichkeiten neuer KI-Anwendungen, andere befürchten, im Beruf von KI ersetzt zu werden. Wie gehen Sie auf diese ambivalenten Gefühle ein? Ich nehme Ängste erst einmal ernst und höre zu. Viele kommen mit Skepsis und Befürchtungen. Entscheidend ist es, darauf einzugehen. Denn sonst scheitert jedes gut geplante KI-Projekt – in Trainings ebenso wie in Unternehmen. Ganz oft ist das Herstellen psychologischer Sicherheit die erste Aufgabe in meinen Workshops, bis hin zur Führungsebene. Es ist das wichtigste Prinzip für erfolgreiche Transformation. Niemand sollte Angst haben, eine Frage zu stellen oder einen Fehler zu machen. Ganz im Gegenteil: Den Umgang mit KI zu lernen, lebt vom Fehler machen. Beides ist untrennbar und genauso relevant ist es, dass wir jetzt eine echte Fehlerkultur im Unternehmen etablieren. Das wirkt für viele Menschen ungewohnt. Ängste und Befürchtungen sind indes mit echtem Verständnis schnell abgebaut. Was dann folgt, sind Faszination und Neugierde. Der schönste Moment ist für mich immer wieder, wenn die härtesten Kritiker plötzlich Begeisterung entwickeln und Augen leuchten. Dann weiß ich: Jetzt kann es erfolgreich werden.

Den Umgang mit KI zu lernen, lebt vom Fehler machen. Beides ist untrennbar und genauso relevant ist es, dass wir jetzt eine echte Fehlerkultur im Unternehmen etablieren.

Wie sieht die Rollenverteilung denn zukünftig aus: Welche Aufgaben werden Maschinen vorrangig übernehmen, welche Menschen? Und was bedeutet das für unsere Arbeit? KI ist einfach unschlagbar darin, große Datenmengen bei Standard- und Routinearbeiten wahnsinnig schnell zu verarbeiten. Mit dieser Effizienz können wir daher immer weniger mithalten. Die gute Nachricht ist: Wir können eine neue „Super-Power“ etablieren: regelmäßiges Lernen. Im Gegensatz zu KI sind wir Menschen in der Lage, holistisch und im Kontext zu denken und empathisch zu sein. Wir haben im Vergleich zur KI einen ganz anderen Radius der Wahrnehmung, können zuhören, zwischen den Zeilen lesen – und verfügen über individuelle Erfahrungsschätze. Das macht uns auch in der Zukunft einzigartig und genau diese Stärken gilt es auszubauen.

Sie sind also der Überzeugung, dass wir das Lernen neu lernen müssen? Ja, genau. Klassische Aus- und Weiterbildungen funktionieren heute nicht mehr. In der Vergangenheit haben wir etwas gelernt, um mit diesem Wissen zu arbeiten: zum Beispiel im Studium oder in der Lehre. Ab heute werden wir arbeiten, um zu lernen. Nicht in einer Weiterbildung einmal im Jahr, sondern jede Woche, in kleinen Happen, eng verzahnt mit konkreten Praxisbeispielen. Nicht allein, sondern im Austausch mit Anderen. Reine E-Learnings und Online-Kurse schaffen nur eines: Silowissen. Wir dürfen Fehler machen, voneinander und miteinander lernen und gemeinsam praxisnahe Projekte mit direktem Mehrwert umsetzen. Ein neuer Prozess, zehn eingesparte Stunden pro Woche, ein Leitfaden zur Umsetzung von KI-Compliance: Daran glaube ich und so möchte ich Lernen anbieten und in Organisationen verankern.

Wir dürfen Fehler machen, voneinander und miteinander lernen und gemeinsam praxisnahe Projekte mit direktem Mehrwert umsetzen.

INFO:

Kurz erklärt European AI Act Mit dem EU AI Act führt die Europäische Union den weltweit ersten verbindlichen Rechtsrahmen für den Einsatz von KI ein. Die Verordnung soll gewährleisten, dass KI-Systeme sicher, transparent und ethisch vertretbar sind. Der Nachweis von KI- Kompetenz für jeden Mitarbeitenden, der mit KI-Tools arbeitet, ist dort auch seit Februar 2025 geregelt. Der neue EU AI Act tritt im August 2026 in Kraft.

Über:

Julia Tammeveski, zertifizierte KI-Managerin, Keynote Speakerin und Trainerin für innovative Lernformate, lebt und arbeitet in Berlin. 2020 gründete sie we era – für eine humane Zukunft der Arbeit und lebenslanges Lernen. Große Affinität hat die 45-Jährige zu den nordischen Ländern. „Mein Großvater stammt aus Estland, dessen Innovationskraft in puncto Digitalisierung und KI mich inspiriert“, sagt sie.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.

29. Dez 2025

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Gesellschaft

Vorsorge ab 50 – Sicherheit für Körper und Konto – Ein Beitrag von Uwe-Matthias Müller, Vorstand des Bundesverbands Initiative 50Plus Europa

Mit dem Älterwerden verändert sich nicht nur der Blick auf das Leben, sondern auch die Verantwortung für die eigene Zukunft. Menschen ab 50 stehen oft mitten im Leben – beruflich erfahren, familiär gefestigt, mit einem klareren Verständnis für das, was wirklich zählt. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Vorsorge zu treffen: für die Gesundheit und für die Finanzen. **Gesundheit: Früher erkennen, besser leben** Ab 50 steigt das Risiko für chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern. Wer rechtzeitig handelt, kann Lebensqualität erhalten und Folgeerkrankungen vermeiden. Auch Impfungen, Zahnvorsorge und Krebsscreenings sind wichtige Bausteine. Prävention bedeutet nicht nur Kontrolle, sondern auch aktives Gestalten: Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit sind entscheidende Faktoren für ein vitales Altern. >Mit 50 beginnt eine Phase der Stabilität – aber auch der Weichenstellung. Wer jetzt handelt, profitiert von Zeit, Übersicht und Entscheidungsfreiheit. Vorsorge ist kein Zeichen von Angst, sondern von Verantwortung. **Finanzen: Klarheit schafft Freiheit** Finanzielle Vorsorge ist ebenso zentral. Die gesetzliche Rente allein reicht oft nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Wer frühzeitig private Altersvorsorge betreibt – sei es durch Immobilien, Versicherungen oder Fonds – schafft sich Spielraum für die Zukunft. Auch das Thema Pflege sollte nicht verdrängt werden: Eine Pflegezusatzversicherung oder ein klarer Vorsorgeplan kann im Ernstfall Entlastung bringen. Wichtig ist, regelmäßig zu prüfen: Sind alle Unterlagen aktuell? Gibt es eine Patientenverfügung oder ein Testament? Wer vorbereitet ist, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch Angehörige. **Warum jetzt?** Mit 50 beginnt eine Phase der Stabilität – aber auch der Weichenstellung. Wer jetzt handelt, profitiert von Zeit, Übersicht und Entscheidungsfreiheit. Vorsorge ist kein Zeichen von Angst, sondern von Verantwortung. Sie schafft Sicherheit, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, das Leben auch im Alter aktiv zu gestalten. ## Fazit Vorsorge ab 50 ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie bedeutet, das Leben bewusst in die Hand zu nehmen – für mehr Gesundheit, finanzielle Stabilität und innere Ruhe. Wer heute vorsorgt, lebt morgen entspannter.