3. Jul 2026
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Gesellschaft
Journalist: Armin Fuhrer
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Foto: Sasun Bughdaryan/unplash
Zöliakie ist ein ernsthaftes Problem für die Betroffenen. Die Krankheit erfordert ein Umdenken im Alltag – besonders auch in der Gastronomie.
Im täglichen Sprachgebrauch wird das Wort „Zöliakie“ oft durch den Begriff „Glutenunverträglichkeit“ ersetzt, um Krankheit und Diät dem Umfeld zu erklären. Das klinge für Außenstehende leichter verständlich, doch genau hier liege ein gefährliches Missverständnis, betont die Ärztin und Zöliakie-Expertin Dr. Stephanie Baas. Denn damit wird die Zöliakie als ernstzunehmende Autoimmunerkrankung verharmlost. Fachleute mahnen schon lange: Zöliakie ist kein Lifestyle-Trend, sondern erfordert ein tiefgreifendes Umdenken – besonders auch in der Gastronomie.
„Zöliakie ist eine autoimmune Erkrankung, die sich nicht auf den Darm beschränkt, sondern Auswirkungen auf den ganzen Körper haben kann“, erklärt Baas. Bei einer klassischen Unverträglichkeit, wie etwa der Laktoseintoleranz, spielt das Immunsystem keine Rolle. „Das Immunsystem der Zöliakie-Betroffenen reagiert sofort auf die Zufuhr von Gluten, in der Schleimhaut des Dünndarms entsteht eine heftige Immunreaktion.“ Dies führt dazu, dass die Darmschleimhaut ihre Struktur verändert und immer flacher wird. „Dadurch verlieren die Betroffenen nach und nach die Möglichkeit, Nährstoffe aufzunehmen – und das führt dazu, dass der Körper in eine zunehmende Defizitsituation kommt. Die einzige Therapie ist eine lebenslange, strikte glutenfreie Diät.“
Jede Glutenzufuhr löst diese immunologische Reaktion wieder aus. Wer Zöliakie als bloße „Unverträglichkeit“ abtut, verkennt, dass auch schleichende, geringe Mengen langfristig den Darm schädigen. Die Diagnose kann in jedem Alter gestellt werden – auch noch mit 50 oder 60 Jahren. „Das Umfeld reagiert oft mit großem Unverständnis auf neue Essgewohnheiten“, stellt Baas fest. Da glutenfrei vielfach als „Mode“ wahrgenommen werde, ziehe das Umfeld die medizinische Notwendigkeit oft ins Lächerliche. „Wenn jemand erzählt, er müsse sich jetzt glutenfrei ernähren, sagen andere: ‚Ja gut, das wollen jetzt ja alle‘“.
Essen ist solch ein soziales Thema, dass viele an Zöliakie erkrankte Menschen einfach ausgeschlossen sind.
Kritisch ist die Situation zum Beispiel in der Gastronomie. Zwar müssen Allergene seit Jahren gekennzeichnet werden, doch die Umsetzung im Arbeitsalltag bleibt eine Hürde. Besonders für kleine Gastronomen mit ungeschultem Personal sei es schwierig, die Küche kontaminatiosfrei zu gestalten.
Auch in Kitas, Schulen oder Kantinen ist die Versorgungslage noch ausbaufähig. Baas plädiert für mehr staatliches Engagement: „Es wäre wünschenswert, wenn es mehr Regelungen gäbe, damit die Betroffenen mehr Sicherheit in ihrem Alltag haben. Das wäre echte Teilhabe.“ In anderen Ländern, wie beispielsweise Italien, sei das Bewusstsein für die Erkrankung weitaus größer.
Dabei ist das Thema hochrelevant: Mit etwa einem Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind rund 800.000 Menschen betroffen. Da jedoch schätzungsweise nur zehn Prozent der Fälle diagnostiziert sind, bleibt die Dunkelziffer enorm hoch. Baas unterstreicht abschließend: „Essen ist solch ein soziales Thema, dass viele an Zöliakie erkrankte Menschen einfach ausgeschlossen sind.“
In Deutschland ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von Zöliakie betroffen. Dies entspricht mehr als 800.000 Menschen. Experten gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus, die auf über 75 % bis hin zu 90 % geschätzt wird. Das bedeutet, dass die Mehrheit der Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung weiß, da sie oft nur einzelne oder gar keine klassischen Symptome aufweisen.