23. Sep 2026
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Gesundheit
Journalist: Julia Butz
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Foto: Presse, Mariela Ferbo/unsplash+
Im Gespräch mit Sally Schulze, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin und zertifizierte Kinderwunschberaterin.

Sally Schulze, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin und zertifizierte Kinderwunschberaterin
Frau Schulze, welches sind die häufigsten Mythen rund ums Thema schwanger werden? Viele überschätzen die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Zwar ist es möglich, dass es direkt beim ersten Mal klappt, die Chance liegt im natürlichen Zyklus aber nur bei etwa 20 bis 30 Prozent. Hinzu kommt, dass die Fruchtbarkeit der Frau bereits ab dem 30. Lebensjahr abnimmt. Eine regelmäßige Menstruation bedeutet also nicht automatisch, dass auch die Qualität der Eizellen unverändert hoch ist. Weiteres gefährliches Halbwissen stammt aus dem Biologieunterricht: Der weibliche Zyklus dauert grundsätzlich 28 Tage. Das trifft längst nicht auf jeden zu. Wer sich dann auf Zyklus-Tracking-Apps verlässt, bekommt zwar einen errechneten Eisprung angezeigt. Genau bestimmen lässt sich der Eisprung aber nur rückblickend, ausgehend von der eigenen letzten Menstruation. Zudem ist die Eizelle nur 24 bis 48 Stunden befruchtungsfähig, und das bestimmt letztlich das Zeitfenster dafür, schwanger zu werden.
Welche Rolle spielt der Lebensstil? Nach den medizinischen Leitlinien zum Kinderwunsch* gibt es keine Belege dafür, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft durch Dinge wie weniger Stress oder mehr Schlaf nachweislich steigern ließe. Das heißt nicht, dass der Lebensstil keinen Einfluss hat. Starkes Untergewicht oder eine Essstörung können den Zyklus zum Erliegen bringen, sodass gar kein Eisprung mehr stattfindet. Ähnliches gilt für Männer: Auch hier können Lebensstilfaktoren über den Hormonhaushalt die Fruchtbarkeit beeinflussen. Deshalb sind bei unerfülltem Kinderwunsch Hormondiagnostik und Spermiogramm sinnvoller als Menschen beispielsweise ins Schlaflabor zu schicken.
Bei unerfülltem Kinderwunsch sind Hormondiagnostik und Spermiogramm sinnvoll.
Ungewollte Kinderlosigkeit ist für viele Paare eine große emotionale Belastung. Ja, und die Beziehung gerät in dieser Situation schnell unter Druck. Es dreht sich nicht nur alles um den nächsten Zyklus, sondern auch um Sex an den fruchtbaren Tagen. Gerade in dieser Zeit ist offene Kommunikation entscheidend. Ausdrücken zu können, wie man sich gerade fühlt, zuzuhören und gemeinsam und ohne Scham über die Anforderung zu sprechen, plötzlich auch ohne einen Lustmoment Sex haben zu müssen.
Viele Menschen mit Kinderwunsch haben sich zudem im Laufe ihres Lebens Stabilität und Planbarkeit aufgebaut. Nun mit der Ungewissheit einer möglichen Schwangerschaft konfrontiert zu werden, ist eine immense Belastung. Dazu kommen viele Ängste: die Angst, nicht schwanger zu werden, eine Fehlgeburt zu erleiden oder auf den Geburtstag der Schwester gehen zu müssen, und zu wissen, dort sind viele Mütter. Über die eigenen Gefühle zu sprechen, ist auch hier ganz entscheidend. Ebenso im Umgang mit Rückschlägen. Manche brauchen nach einer negativen Rückmeldung erst einmal Raum für Traurigkeit und Verarbeitung, andere sagen: nächster Versuch, let’s go. Wichtig ist, diese unterschiedlichen Bedürfnisse wahrzunehmen, in Worte fassen zu können und mit dem Partner zu teilen. Und da es gerade bei Kinderwunsch wichtig ist, zum richtigen Zeitpunkt da zu sein, begleite ich Menschen nicht nur punktuell mit intensiven Videokonferenzen, sondern bei Bedarf auch kontinuierlich per Sprachnachricht.
Mit der Ungewissheit konfrontiert zu werden, ist eine immense Belastung.
Als Psychologin und Host des Podcasts „Kinderwunschzeit“ des Bundesfamilienministeriums macht sich Sally Schulze für Frauengesundheit stark und führt Interviews mit Fachleuten aus Medizin, Beratung oder mit Menschen, die eine Kinderwunschzeit erlebt haben.