24. Jun 2026
|
Gesellschaft
Journalist: Chan Sidki-Lundius
|
Foto: Presse
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) will die Forschung im Bereich der Frauengesundheit stärken. Wir haben mit der Bundesministerin gesprochen.
**Frau Bär, in welchen Bereichen zeigen sich die Unterschiede zwischen Frauen- und Männergesundheit besonders deutlich? ** Beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zwar sind Männer deutlich öfter von einem Herzinfarkt betroffen; für Frauen ist er allerdings häufiger tödlich. Denn Frauen erleben oft andere Begleitsymptome als Männer. Und diese werden dann nicht schnell genug einem Herzinfarkt zugeordnet. Eine Studie zeigt: Bei Frauen über 65 Jahren mit Herzinfarkt-Symptomen vergehen im Schnitt über viereinhalb Stunden, bis sie in die Notaufnahme kommen. Bei Männern gleichen Alters dauert das eine Stunde weniger. Oder Diabetes mellitus: Frauen erkranken daran seltener als Männer. Aber wenn Frauen Diabetes entwickeln, sind Insulinresistenz, Adipositas und weitere Begleiterkrankungen ausgeprägter.
Wie sollte eine gute geschlechtersensible Medizin folglich aussehen? Über Generationen hinweg prägten Männer die medizinische Forschung. Sie arbeiteten als Ärzte und Wissenschaftler, nahmen als Probanden an wissenschaftlichen Studien teil. Frauen kamen in der medizinischen Forschung so gut wie nicht vor. Dies führte dazu, dass noch heute Krankheiten bei Frauen nicht oder zu spät erkannt und behandelt, Medikamente falsch dosiert werden. Das muss sich ändern. Wir brauchen einen Kulturwandel: Medizinische Forschung muss Geschlechteraspekte in ihrer ganzen Breite von Anfang an mitdenken.
Und wie weit ist die Forschung da? Bis heute fehlen für viele Erkrankungen die Daten und damit die wissenschaftliche Grundlage für eine optimale, geschlechtersensible Medizin. Deshalb haben wir vor einem Jahr die Förderrichtlinie zur Reduzierung des Gender Data Gap veröffentlicht, in einer zweiten Runde wurden gerade weitere Projekte ausgewählt. Für beide Förderungen zusammen stellen wir rund 12 Millionen Euro bereit.
Das BMFTR hat unter anderem eine neue Förderrichtlinie für interdisziplinäre Forschung rund um das Thema Wechseljahresbeschwerden veröffentlicht. Was hat Sie dazu veranlasst? Wechseljahre sind keine Krankheit, aber eine Phase des hormonellen Umbruchs, die psychisch und körperlich sehr belastend sein kann. Viel zu wenig bekannt ist, dass diese hormonellen Veränderungen oft gesundheitliche Folgen haben können, zum Beispiel für das Herz-Kreislauf-System, das Gehirn und die Knochen – ein Wissen, das für Prävention und Gesundheitsförderung wichtig ist. Es fehlt uns aber an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen zu diesem Lebensabschnitt. Daher braucht es auch hier dringend Forschung. Hierfür werden wir rund 21 Millionen Euro bereitstellen.
Wir brauchen einen Kulturwandel: Medizinische Forschung muss Geschlechteraspekte in ihrer ganzen Breite von Anfang an mitdenken.
Können Sie uns weitere Projekte und Förderschwerpunkte nennen? Wir haben ein Gesamtpaket zur Erforschung und Verbesserung der Frauengesundheit geschnürt. Hier leisten wir echte Pionierarbeit. So sind Projekte zur Erforschung der Endometriose, der reproduktiven Gesundheit, zu innovativen Verhütungsmethoden und zu zahlreichen geschlechtsspezifischen Unterschieden auf dem Weg. Ich bin sicher, dass wir hier bald erste spannende Ergebnisse sehen werden.
Wie hoch sind die Investitionen, die Ihr Ministerium zum Thema Frauengesundheit tätigt? Warum sind die gut angelegt? Insgesamt wird allein mein Haus in dieser Legislatur rund 90 Millionen Euro in die Frauengesundheitsforschung investieren. Das World Economic Forum hat ausgerechnet: Die Weltwirtschaft könnte um eine Billion Dollar wachsen, wenn der so genannte Gender-Health-Gap, also die geschlechtsspezifische Versorgungslücke, geschlossen würde. Das macht klar, dass die gesamte Gesellschaft – auch wirtschaftlich – profitiert, wenn wir uns um Frauengesundheit kümmern. Ich bin da ganz klar: Frauengesundheit ist ein fundamentaler Bestandteil der Menschenwürde, ein Motor für soziale Stabilität und Voraussetzung für nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.
Inwiefern bedarf es auch struktureller Änderungen, um die Frauengesundheit zu verbessern und mehr in den Fokus der Gesellschaft zu rücken? Was wünschen Sie sich persönlich? Es ist auf vielen Ebenen an der Zeit, dass Frauen auch in der Medizin gleichberechtigt repräsentiert werden. Mit unserem Professorinnenprogramm treiben wir die Gleichberechtigung von Frauen an Hochschulen weiter voran. Zusätzlich schaffen wir bessere Rahmenbedingungen für Ärztinnen und Ärzte, die in der Universitätsmedizin tätig sind, damit sie gleichzeitig forschen, aber auch in der Patientenversorgung tätig sein können.
Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, wurde 1978 in Bamberg geboren. Die Diplom-Politologin ist CSU-Mitglied, verheiratet und hat drei Kinder. In ihrer Freizeit zeigt sie sich gern auch mal im Dirndl.
23. Jun 2026
|
Gesellschaft
Was Fischernetze mit Walen machen
23. Jun 2026
|
Gesellschaft
Gefühle verstehen, zulassen und gemeinsam durch die Trauer gehen.