Diesen Artikel teilen:

16. Sep 2026

|

Wirtschaft

Additive Fertigung ist eine wichtige Schlüsseltechnologie für Deutschland – mit Prof. Dr.-Ing. Dietmar Drummer, Leiter des Lehrstuhls für Kunststofftechnik der Universität Erlangen-Nürnberg

Journalist: Katja Deutsch

|

Foto: Jakub Żerdzicki/unsplash

Prof. Dr.-Ing. Dietmar Drummer leitet den Lehrstuhl für Kunststofftechnik der Universität Erlangen-Nürnberg und kennt alle Facetten additiver Fertigungstechnologien. Er rechnet mit einem deutlichen Wachstum der additiven Fertigung in Deutschland.

0M0A5450 Online.JPG

Prof. Dr.-Ing. Dietmar Drummer, Leiter des Lehrstuhls für Kunststofftechnik der Universität Erlangen-Nürnberg

Herr Professor Dr. Drummer, wie ist der Stand der additiven Fertigung in Deutschland? Die additive Fertigung umfasst so viele unterschiedliche Verfahren, Werkstoffe und Anwendungen, dass ihr Entwicklungsstand nicht pauschal bewertet werden kann. Sie hat sich in dieser Breite aber inzwischen von einer vorwiegend forschungsgetriebenen Technologie zu einer zunehmend industriell eingesetzten Technologie entwickelt. Besonders erfolgreich ist sie bei komplexen und hochqualitativen Bauteilen, die mit klassischen Verfahren kaum herstellbar sind, wie in der Luft- und Raumfahrt oder Energietechnik. Für Anwendungen mit hohen Stückzahlen sind dagegen vor allem Kosten eine wichtige Herausforderung.

In welchen Bereichen hat sie sich bereits zu einem festen Bestandteil der industriellen Serienproduktion entwickelt? Die additive Fertigung ist heute schon in vielen Branchen recht gut etabliert. Besonders häufig wird sie im Energie-, Automobil-, Maschinen-, Luft- und Raumfahrtbereich eingesetzt, da sich damit sowohl komplexe und leichte Bauteile als auch individuelle Lösungen herstellen lassen. Auch in der Medizin sind 3D-gedruckte Implantate bereits verbreitet. Weitere Anwendungen finden sich in der Elektronik, zum Beispiel bei individuellen Antennen, und auch im Bauwesen. Im Bereich des Bioprintings wird weiterhin intensiv geforscht, beispielsweise an der Herstellung von Gewebestrukturen und zukünftig möglicherweise Organen.

Welche Rolle spielen neue Kunststoff-Materialien dabei? Werkstoffliche Innovationen entstehen vor allem durch neue Funktionen, Qualitätssicherung und Kostenreduktion. Dabei spielen jedoch nicht nur neue Materialien eine Rolle, sondern Temperatur und Energieeintrag – denn damit kann man auch bei bekannten Werkstoffen unterschiedliche Materialstrukturen und damit neue Bauteileigenschaften erzeugen. Die Palette verfügbarer Kunststoffe vergrößert sich zunehmend für alle unterschiedlichen 3D-Druckverfahren. Vielfach sind dies Hochtemperaturkunststoffe wie PEI und PEEK, aber auch z. B. biobasierte und flammgeschützte Kunststoffe sowie speziell angepasste Materialien für medizinische Anwendungen. Darüber hinaus ermöglichen hybride Werkstoffe auch ganz neue Anwendungen, beispielsweise für biokompatible Bauteile oder Drug-Delivery-Systeme.

Insgesamt rechne ich mit einem deutlichen Wachstum der additiven Fertigung.

Berlin möchte bis 2030 Hauptstadt des 3D-Drucks in Europa werden. Und inwiefern profitieren Fertigungsunternehmen von den bereits hier ansässigen Unternehmen? Berlin punktet vor allem durch seine Universitäten, Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer und BAM sowie eine aktive Gründerszene, gleichzeitig besteht im Maschinen- und Anlagenbau noch Nachholbedarf. Ausschlaggebend für den Erfolg wird daher die Zusammenarbeit zwischen Forschung, etablierten Unternehmen und Start-ups sein. So können Innovationen schneller umgesetzt und neue Wertschöpfungsketten geschaffen werden. Städte wie Aachen, Erlangen und München sind starke Wettbewerber.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die nächsten Jahre? Die Vorteile additiver Fertigung liegen vor allem in komplexen Geometrien, neuen Werkstoffstrukturen und der wirtschaftlichen Fertigung individueller Bauteile bis hin zu Einzelstücken. Für Deutschland ist sie eine wichtige Schlüsseltechnologie. In Zukunft werden außerdem Kreislaufwirtschaft, Materialeffizienz und resiliente Lieferketten an Bedeutung gewinnen. Insgesamt rechne ich mit einem deutlichen Wachstum der additiven Fertigung.

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.