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6. Aug 2020

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Wirtschaft

Der Baubranche auf die Sprünge helfen

Journalist: Armin Fuhrer

Start-ups sorgen für neue Ideen, Nachhaltigkeit und Effizienz und ebnen dem Baugewerbe den Weg in Richtung Digitalisierung. 

Die Zukunft ist digital, daran besteht kein Zweifel. Die Baubranche in Deutschland hinkt bei der Entwicklung aber zurück, und zwar sowohl was den Vergleich mit anderen Bereichen der Wirtschaft angeht, als auch mit Blick auf das Baugewerbe in anderen Ländern. Doch auch hierzulande tut sich inzwischen eine ganze Menge. Es ist allerdings häufig nicht die Branche selbst, die die Entwicklung in Richtung Digitalisierung vorantreibt. Die Impulse, Ideen und neue Entwicklungen gehen in vielen Fällen von jungen Start-ups aus, die der etwas trägen Baubranche den Segen der digitalen Technik näherbringen.

Solche Gründer haben gute Chancen trotz der Corona-Krise – oder besser: wegen der Corona-Krise. Denn wenn die Pandemie etwas gezeigt hat, dann zweifellos die große Bedeutung und die Vorzüge der Digitalisierung. Diese Erkenntnis hat sich auch in der Baubranche weiter durchgesetzt. Daneben sorgt der allseits gestiegene Wunsch nach Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ressourceneffizienz beim Bau von Gebäuden oder Straßen und Brücken dafür, dass die Digitalisierung sich immer weiter auch in der Baubranche durchsetzt. Denn die Erfüllung dieser Forderungen ist ohne digitale Technik gar nicht möglich. Das gleiche gilt auch für die Steigerung der Arbeitsproduktivität, die im Bauwesen in den vergangenen Jahrzehnten im Gegensatz zu vielen anderen Branchen kaum gewachsen ist. Nur durch solche digitalen Produkt- und Prozessinnovationen lässt die Zukunftsfähigkeit der Branche sichern.

Diese Entwicklung hat die Start-up-Szene längst erkannt. Seit einigen Jahren etablieren sich immer mehr digitale PropTechs am Markt. Die Abkürzung steht für Property Technology. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die sich mit Themen und Prozessen rund um Technologien beschäftigen, die sich speziell für innovatives Bauen, Planen und Betreiben von Immobilien drehen.

Innovationen setzen an ganz verschiedenen Stellen an, wie ein paar Beispiele zeigen sollen. So ist es beispielsweise möglich, eine vollständige Dokumentation aller verwendeten Materialien zu erstellen.

Der Vorteil für Hersteller, Architekten, Planer und Betreiber liegt auf der Hand: Sie bekommen gesicherte Informationen über das Material, die Sicherheit und die Kreislauffähigkeit der eingesetzten Baustoffe. Eine große Erleichterung ist die Arbeit mit Virtual und Augmented Reality, mit deren Hilfe Bauunternehmer Fortschritte auf einer Baustelle virtuell dokumentieren können. Mit einer 360-Grad-Kamera entsteht eine Art Street View für die verschiedenen Phasen einer Baustelle. Das erleichtert es zum Beispiel, den Überblick darüber zu erhalten, an welchen Stellen Kabel und Leitungen verlaufen oder wie dick bestimmte Wände sind. Die Daten werden in eine Cloud oder auf einen lokalen Server hochgeladen. Der Vorteil: Eine Baustelle muss somit nicht mehr persönlich aufgesucht werde – das bedeutet eine große Zeitersparnis. Ein anderes Start-up hat eine Online-Softwareplattform entwickelt, mit deren Hilfe die professionelle Sanierung von Wohnungen digitalisiert und damit erheblich zu beschleunigt werden kann. Von der Plattform profitieren Immobilienverwalter und Wohnungsunternehmen, weil sie verschiedene Anbieter bestimmter Leistungen gezielt und transparent vergleichen können.

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit der digitalen Transformationen wächst in der Baubranche inzwischen stetig. Und es sind gerade die jungen Start-ups, die ihr mit ihren innovativen Ideen den Weg in das digitale Zeitalter ebnen. Doch die Baubranche gilt als schwerfälliger Riese. Neue Unternehmer haben es schwer, sich zu etablieren – und das gilt noch mehr für Start-ups, die mit neuen Ideen überzeugen wollen. Solche jungen Unternehmen entstehen oftmals erst im Zusammenhang mit einer neuen Idee und einem neuen Produkt. Diese Start-ups sind zwar sehr innovativ, sie benötigen aber ganz traditionell Startkapital. Ist ein Produkt oder eine neue Dienstleistung bereits vollständig entwickelt und hat sich als geschäfts-tauglich erwiesen, ergeben sich nicht selten auch bereits erste Beteiligungen zum Beispiel von etablierten Unternehmen, die sich die neuen Ideen sichern wollen. Ist das Start-up noch nicht so weit, müssen die Gründer sich zum Beispiel bei Programmen der Bundesregierung oder der Länder um Unterstützung bewerben. Diese Phase kann sehr mühselig sein und auch Rückschläge bringen.  

Experten rechnen zwar als Folge der Pandemie mit einem deutlichen Umsatzrückgang der Baubranche. Nur im Wohnungsbau wird ein moderates Plus erwartet. Gleichwohl dürften die Chancen für Start-ups mit dem Ziel, die Baubranche zu digitalisieren, so schlecht nicht stehen. Denn gerade die Krise erhöht den Druck nicht nur in Richtung Digitalisierung, sondern auch in Richtung Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.