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29. Mär 2022

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Wirtschaft

Ein Huhn ist nicht genug

Journalist: Theo Hoffmann

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Foto: Thomas Iversen

Die Hühnerhaltung ist viel einfacher, als viele denken. Immer mehr Menschen interessieren sich für eigene Tiere in Ställen und Gärten.

Ein Huhn muss ausschließlich dafür da sein, so viele Eier wie möglich für die hungrigen Menschen zu produzieren. Dass ein Huhn auch gern dafür da wäre, als glückliches Tier auf einer grünen Wiese entlangzuwackeln, Körner zu picken und Küken großzuziehen, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht gleich wieder umgebracht werden, bedenken viele nicht. Es rührt einen zutiefst, die zusammengepferchten Tiere verletzt und blutend in engen Käfigen ohne Frischluft und Reinigung ihres Lebensraums dahinsiechen zu sehen. Dabei ist ein Huhn, ja sind viele Hühner inklusive eines Hahns, der mit zehn Hennen ein zufriedenes Leben führen kann, ein recht einfach zu pflegendes Tier. Das wissen viele Hobby-Hühnerhalter aus guter Erfahrung. Eine kleine Stallfläche mit circa einem Quadratmeter Fläche reicht schon aus, um zwei bis vier große Hühner zu halten. Allerdings sollte man desto mehr Platz für ein Außengehege einplanen, denn das ist für das Wohl der Tiere umso wichtiger. Je glücklicher die Tiere, desto besser ist es auch für das, was wir Menschen vor allem von ihnen begehren: Frische und gute Eier.

Die artgerechte Haltung von Hühnern ist viel leichter, als man denkt. Immer mehr Menschen halten deshalb im eigenen Garten Hühner. Man muss dabei nur beachten, dass Hühner soziale Tiere sind und man deshalb nicht weniger als drei Tiere anschaffen sollte, wenn man sie auf diese Art halten möchte. Allerdings gibt es auch Obergrenzen. Im privaten Garten sind maximal 20 Hühner zulässig. Die Freifläche draußen ist für die Gesundheit der Tiere essenziell wichtig, was die Industrie ja leider viel zu schnell vergisst und ihren leidenden Tieren in der Folge oft gar keinen Auslauf mehr gewährt. Verbraucher fragen sich zu Recht, warum eine nicht artgerechte Massenhaltung in unserem Land überhaupt so möglich ist und warum Betriebe, die den Tierschutz missachten, nicht viel stärker kontrolliert und bei Verletzung der Tierwohlrechte nicht gleich verboten werden. Dabei gibt es doch eigentlich genügend Vorschriften für die Hühnerhaltung. Eine überwiegend begrünte Auslauffläche gehört ebenso zu einer artgerechten Haltung wie Schutzflächen für die Tiere vor Fressfeinden, zum Beispiel durch Sträucher und Bäume. Mindestens vier Quadratmeter Auslauf sollte jedem Huhn mindestens zur Verfügung stehen, wobei Tierschützerinnen und -schützer sogar zehn Quadratmeter für wirklich glückliche Tiere empfehlen.

Wie aber sieht die Wirklichkeit in kommerziellen Betrieben aus? Erschreckenderweise halten ca. vier Fünftel aller Großbetriebe in Deutschland zwischen 10.000 und 30.000 Hennen, elf Prozent sogar mehr als 50.000 Tiere. Wundern wir uns da, wenn die Tiere nicht in gestützten Räumen schlafen und in Ruhe ihre Eier legen können? Wundern wir uns bei solchen Zahlen noch darüber, wenn es ihnen an Auslauf und an den von ihnen so geliebten Plätzen zum Staubbaden fehlt? Stattdessen fristen viele von ihnen ein bemitleidenswertes Dasein in Kot und Dreck und werden entsorgt, wenn sie ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Dabei sind diese Tiere so genügsam. Eine Sitzstange, auf der sie auch schlafen können, ein Scharrbereich im Streu, gesunde Tiere zur Gesellschaft und natürlich sauberes Wasser reichen ihnen vollends aus. All das haben sie vor allem dort, wo sich ihnen Menschen mit Liebe und Fürsorge widmen und dafür mit frischen und leckeren Eier belohnt werden.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.