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2. Apr 2026

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Business

„Erfahrung und KI bilden ein starkes Team“ – Im Interview mit Kenza Ait Si Abbou, KI-Expertin

Journalist: Kerstin Kloss

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Foto: Hendrik Gergen

Ein Interview mit KI-Expertin Kenza Ait Si Abbou darüber, wie real die Angst vor Jobverlust ist, was Unternehmen tun müssen und welches Mindset hilft.

Was ist das größte Missverständnis über Künstliche Intelligenz? Das ist die Erwartung, dass Künstliche Intelligenz etwas Magisches ist und alle Probleme löst.

Viele haben deshalb Angst vor Jobverlust. Wie schätzen Sie das ein? Im Berufsalltag denken Menschen eventuell, KI würde ihnen den Job wegnehmen, weil sie so gute Antworten formulieren kann. Aber das Narrativ ist viel größer als das, was tatsächlich passiert. Zwar gibt es die Technologie, aber der Einsatz von KI in Unternehmen läuft nicht so schnell, wie viele befürchten. Wir sind weit davon entfernt, dass KI alles ersetzt. Nichtsdestotrotz muss man existenzielle Ängste ernst nehmen und Perspektiven anbieten.

Wie kann das funktionieren? Es ist Aufgabe der Unternehmen, sich mit der technologischen Entwicklung zu beschäftigen und sich anzuschauen, wie KI Jobfamilien beeinflussen kann: Welche Tätigkeiten haben ein hohes Potenzial automatisiert zu werden? Welche Fähigkeiten brauchen die Mitarbeitenden, damit sie zukunftsfähig sind? KI ersetzt kein menschliches Urteil. Je länger Menschen in einem Job arbeiten, desto mehr Erfahrung haben sie. Erfahrung und KI bilden ein starkes Team. Organisationen müssen eine Umgebung schaffen, in der beide Stärken zusammenkommen. Verantwortung tragen aber auch die Einzelnen – sie müssen sich mit der Technologie befassen und Unterstützung vom Arbeitgeber einfordern.

Die KI kann viele Daten schnell analysieren und Muster erkennen, aber sie kann keine Schlussfolgerungen mit einer Entscheidungsempfehlung formulieren.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine? Ich kenne kein Tool, das eigenständig eine Präsentation erstellt. Die KI kann viele Daten schnell analysieren und Muster erkennen, aber sie kann keine Schlussfolgerungen mit einer Entscheidungsempfehlung formulieren. Menschen machen daraus eine Geschäftsführungsunterlage, die zur Unternehmenskultur passt. Ich kann mir auch Vorschläge von der KI geben lassen, die ich mit meiner Erfahrung bewerten muss. Dieser Qualitätscheck bringt ein besseres Ergebnis.

Sie führen KI in Unternehmen ein. Worauf kommt es dabei an? Damit KI im Unternehmen wirklich skalieren kann, müssen Grundlagen wie Dateninfrastruktur, eine Tech-Plattform und eine Modulare Architektur vorhanden sein. Gleichzeitig braucht es klare Prozesse, eindeutig definierte Rollen und Verantwortlichkeiten. Die Organisation muss einen geschützten Rahmen für die KI-Nutzung definieren, damit nicht jede Person überlegen muss, was sie darf und was nicht. Außerdem müssen Budgets dafür vorhanden sein, Freigabeprozesse eventuell verändert und Entscheidungen viel partizipativer getroffen werden. Denn Expertise findet sich eher in der Belegschaft als im Top-Management.

Welche Trainingsmaßnahmen sind sinnvoll? Das Unternehmen muss Mitarbeitenden nicht nur Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten, sondern auch selbst eine lernende Organisation werden. Dabei werden Informationen im Unternehmen transparent und demokratisch allen zur Verfügung gestellt, um voneinander zu lernen. Wenn wir angesichts des demografischen Wandels die Expertise, die Menschen über Jahre gesammelt haben, nicht an neue Generationen weitergeben, geht sie verloren. Dieses Risiko können Organisationen nur mit Technologie managen. Erst, wenn alles integriert ist, lässt es sich wertstiftend für das Unternehmen nutzen.

Damit KI im Unternehmen wirklich skalieren kann, müssen Grundlagen wie Dateninfrastruktur, eine Tech-Plattform und eine Modulare Architektur vorhanden sein.

Sie haben in Peking und Shanghai gearbeitet. Was können wir für den globalen KI-Wettbewerb aus China lernen? Als ich von 2009 bis 2011 in China gelebt habe, gab es noch keine große kommerzielle KI-Nutzung. Positiv aufgefallen ist mir aber die sehr wichtige Freude am Experimentieren und Entwickeln. In China wollen die Menschen viel mehr als hier Neues ausprobieren. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, wird so lange weitergemacht, bis es funktioniert. Ich halte dieses Mindset für sehr positiv und würde es mir im deutschsprachigen Raum öfter wünschen.

Warum entscheidet Diversität darüber, ob KI akzeptiert wird? Die Technologie wird von allen Menschen verwendet und sollte deswegen die Gesellschaft widerspiegeln. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen trainieren wir die KI mit relativ homogenen Daten, sodass sie unbewusste Vorurteile übernimmt. KI bietet die Chance, genau das zu verändern.

Sollten sich Beschäftigte also weniger Sorgen machen? Unternehmen brauchen drei bis fünf Jahre und einige Millionen Euro, um eine funktionierende Tech-Plattform aufzubauen. Von heute auf morgen passiert das nicht.

FACTBOX:

Künstliche Intelligenz erklärt die Ingenieurin mit marrokanischen Wurzeln am liebsten den Kleinsten – als Mutter oder Kinderbuchautorin in „Meine Freundin Roxy“. Als KI-Wegbereiterin geht es der 44-jährigen Berlinerin um Menschen, denen sie neugierig begegnet. Dabei helfen ihre Kenntnisse in sieben Sprachen.