Diesen Artikel teilen:

7. Jul 2026

|

Wirtschaft

„Erneuerbare Energien sind das Fundament einer zukunftsfähigen Wirtschaft“ – mit Prof, Dr. Claudia Kemfert

Journalist: Jakob Bratsch

|

Foto: Nicholas Doherty/unplash, Oliver Betke

Seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht Prof. Dr. Claudia Kemfert die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Transformation des Energie-, Verkehrs- und Gebäudesystems hin zu mehr erneuerbaren Energien, Elektromobilität und Wasserstoff. Im Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeiten stehen dabei Fragen der Nachhaltigkeit in Energie-, Verkehrs- und Gebäudesystemen.

OB22_CKemfert_0907_LRCD70Press-scaled ONLINE.jpg

Prof, Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität

Frau Dr. Kemfert, welche Rolle spielen erneuerbare Energien aus Ihrer Sicht für eine langfristig nachhaltige und resiliente Wirtschaft in Deutschland? Erneuerbare Energien sind das Fundament einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und resilienten Wirtschaft. Sie machen uns unabhängiger von fossilen Energieimporten, stabilisieren langfristig die Energiekosten und stärken die Versorgungssicherheit. Die fossile Energiekrise hat deutlich gezeigt, wie verletzlich ein System ist, das auf fossile Energien wie Öl und Gas basiert. Wind, Sonne, Speicher, Effizienz und dezentrale digitale Netze schaffen dagegen Resilienz, regionale Wertschöpfung und Planungssicherheit. Sie ermöglichen stabile Energiepreise, reduzieren geopolitische Abhängigkeiten und stärken den Industriestandort Deutschland. Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien – und damit ein zentraler Standortfaktor für die Zukunft.

Nachhaltigkeit wird häufig noch als Verzicht oder Kostenfaktor wahrgenommen. Warum ist nachhaltiges Handeln heute vielmehr ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zukunftsfaktor? Nachhaltigkeit bedeutet nicht Verzicht, sondern Vorsorge, Innovation und wirtschaftliche Klugheit. Die teuerste Option ist das Festhalten am Alten: Klimaschäden, fossile Importabhängigkeiten, Ressourcenverschwendung und verschleppte Modernisierung verursachen enorme volkswirtschaftliche Kosten. Wer heute nachhaltig handelt, reduziert Risiken, spart Energie und Ressourcen und schafft neue Zukunftsmärkte. Nachhaltigkeit ist deshalb kein Hemmnis, sondern Voraussetzung für Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität. Sie verbindet ökologische Verantwortung mit ökonomischer Vernunft — und wird damit zu einem entscheidenden Faktor für eine starke und moderne Wirtschaft.

Wer heute nachhaltig handelt, reduziert Risiken, spart Energie und Ressourcen und schafft neue Zukunftsmärkte.

Welche Chancen ergeben sich für Unternehmen, die Nachhaltigkeit und Klimaschutz nicht nur als Pflicht, sondern als Innovationsmotor verstehen? Unternehmen, die Nachhaltigkeit strategisch denken, gewinnen mehrfach: Sie senken Energiekosten, machen sich unabhängiger von volatilen Rohstoffmärkten und erschließen neue Geschäftsmodelle. Gerade in den Bereichen erneuerbare Energien, Speicher, Kreislaufwirtschaft, Batterien, Wärmepumpen, Effizienztechnologien und digitale Steuerung entstehen enorme Chancen. Wer früh investiert, kann Technologieführerschaft aufbauen, Fachkräfte gewinnen und Vertrauen bei Kundinnen, Kunden und Investoren stärken. Nachhaltigkeit wird so vom Compliance-Thema zum Wettbewerbsvorteil. Klimaschutz ist kein Bremsklotz, sondern ein Modernisierungsmotor — für Unternehmen, Regionen und den gesamten Industriestandort.

Welche politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es aktuell dringend, damit die Energiewende schneller und konsequenter umgesetzt werden kann? Wir brauchen vor allem Verlässlichkeit, Tempo und klare Investitionssignale. Dazu gehören schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, ein konsequenter Ausbau von Wind- und Solarenergie, mehr Speicher, Flexibilität, Wärmepumpen, Elektromobilität sowie dezentrale, digitale und flexible Stromnetze. Wichtig sind zudem Echtzeit-Preisinformationen, dynamische Tarife und der Abbau fossiler Subventionen. Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger brauchen Planungssicherheit, damit Investitionen in saubere Technologien attraktiv und verlässlich werden. Der größte Fehler wäre ein energiepolitischer Kurzschluss: neue fossile Abhängigkeiten aufzubauen, statt konsequent auf saubere, heimische und resiliente Energien zu setzen.

Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger brauchen Planungssicherheit, damit Investitionen in saubere Technologien attraktiv und verlässlich werden.