Diesen Artikel teilen:

17. Jul 2026

|

Wirtschaft

Erneuerbare Energien sind ein starker Wachstumsmotor – mit Ursula Heinen-Esser

Journalist: Katja Deutsch

|

Foto: BEE/Rolf Schulten, Getty Images/unsplash

Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e. V., betont die Wertschöpfungspotentiale Erneuerbarer Energien – und fordert ein klares Leitbild.

UHE_Portrait_zugeschnitten_high_res_ONLINE.jpg

Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e. V.

Frau Heinen-Esser, wo sehen Sie in Deutschland die größten Fortschritte der vergangenen Jahre beim Ausbau erneuerbarer Energien? Der Ausbau der Erneuerbaren zeigt nachweislich stabilisierende Effekte: Der Anteil der Erneuerbaren am Strommix lag in den ersten vier Monaten dieses Jahres bei 57,5 Prozent. Das hat nach dem Beginn des Irankrieges dafür gesorgt, dass die Strompreise deutlich stabiler geblieben sind als noch 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Das ist ein großer Fortschritt und wird leider viel zu wenig kommuniziert.

Welche Bedeutung haben erneuerbare Energien für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland? Die Erneuerbaren sind eine Wachstumsbranche: Eine Studie des Wirtschaftsministeriums hat gerade erst die Wertschöpfungspotenziale durch die Energiewende für die Regionen untersucht. Diese können sich bis 2033 mehr als verdoppeln! Das ist ein harter Wirtschaftsfaktor. Mehr erneuerbarer Strom gibt der Industrie zudem Planungssicherheit und wird die Energiekosten senken. Um diese Entwicklung zu forcieren, fordern wir die Erleichterung von Direktbelieferungsverträgen zwischen Erneuerbaren und Industrieunternehmen.

Angesichts wiederholter fossiler Energiekrisen und der drängender werdenden Notwendigkeit von geopolitischer Unabhängigkeit sollte die Priorität sein, unser Land energiepolitisch resilient zu machen.

Welche Reformen braucht der Strommarkt, damit erneuerbare Energien ihr Potenzial voll entfalten können? Wir brauchen einen Systemwechsel: Statt weniger großer Kraftwerke haben wir inzwischen viele kleinere und über das ganze Land verteilte Erzeuger. Es ist überfällig, dass das System dezentraler und flexibler wird: Die Überbauung von Netzverküpfungspunkten muss ebenso Standard werden wie die Möglichkeit, Strom vorm Netzverknüpfungspunkt zu nutzen, statt die Anlagen abzuregeln. Es ist vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht klar, dass Redispatch-Kosten im Zusammenhang mit den Erneuerbaren vor allem durch veraltete und starre Regulierungen entstehen: Es wäre technisch leicht umsetzbar, Netzverknüpfungspunkte effizienter zu nutzen oder überschüssigen Strom zu speichern. Aber der gesetzliche Rahmen lässt es das noch nicht in vollem Umfang zu.

Wir brauchen einen Systemwechsel: Statt weniger großer Kraftwerke haben wir inzwischen viele kleinere und über das ganze Land verteilte Erzeuger.

Setzt Bundeswirtschaftsministerin Reiche energiepolitisch auf die richtigen Ziele? Angesichts wiederholter fossiler Energiekrisen und der drängender werdenden Notwendigkeit von geopolitischer Unabhängigkeit sollte die Priorität sein, unser Land energiepolitisch resilient zu machen. Beim steuerbaren Backup vor allem auf fossile Gasimporte zu setzen, hilft nicht. Insgesamt fehlt ein klares Leitbild, das den Ausbau von Erneuerbaren Energien, Netzen, Speichern und Flexibilitäten systematisch zusammenführt und aufeinander abstimmt.– umso mehr, als sich die Regierung zu dem Ziel bekennt, bis zum Jahr 2030 einen Anteil von 80 Prozent erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch zu erreichen.

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.