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28. Mär 2025

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Wirtschaft

Mit Sonne die Zukunft gestalten – mit Jürg Grossen Unternehmer, Nationalrat und Präsident von Swissolar, dem Schweizer Fachverband für Sonnenenergie

Journalist: Thomas Soltau

Jürg Grossen ist Unternehmer, Nationalrat und Präsident von Swissolar, dem Schweizer Fachverband für Sonnenenergie. Er setzt sich für den massiven Ausbau der Photovoltaik ein und sieht große Chancen in dezentralen Energielösungen. Im Interview spricht er über Rekordzahlen, Herausforderungen und Lösungsansätze für die Schweizer Energiewende.

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Jürg Grossen ist Unternehmer, Nationalrat und Präsident von Swissolar, dem Schweizer Fachverband für Sonnenenergie

Herr Grossen, die Schweiz erreichte 2024 einen Solarstromrekord. Wie kann dieser Trend fortgesetzt werden? 2024 war ein besonderes Jahr mit hoher Wasserkraft-, aber auch Solarstromproduktion. Bereits mehr als zehn Prozent des Schweizer Stromverbrauchs stammen aus Solaranlagen. Wichtige Instrumente sind die Einmalvergütung, Mindesttarife für Netzeinspeisung und neue Nachbarschafts- und Quartierstrommodelle. Diese Maßnahmen müssen regelmässig optimiert werden, um das Ziel der Verfünffachung der Solarstromproduktion bis 2035 zu erreichen. Wichtig ist aber auch die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Vorteile der Photovoltaik, damit immer mehr Hauseigentümer und Unternehmen in die Technologie investieren. Dazu braucht es gezielte Informationskampagnen und vereinfachte Verfahren, um bürokratische Hürden zu minimieren.

Sind die aktuellen Fördermodelle für Photovoltaik ausreichend? Die Schweiz setzt auf gemäßigte, aber wirkungsvolle Förderungen. Wichtig ist die regelmässige Aktualisierung der Einmalvergütungen und Auktionsverfahren an aktuelle Bedürfnisse. Ein Schwerpunkt lag bisher auf gebäudenaher Photovoltaik statt großer Solarparks in der Landschaft. Gleichzeitig müssen Stromnetze auf den wachsenden Solaranteil vorbereitet werden. Ein entscheidender Punkt ist auch die Verbesserung und Dynamisierung der Einspeisetarife, um den wirtschaftlichen Anreiz für private und gewerbliche Anlagenbetreiber weiter zu erhöhen.

Wichtig ist aber auch die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Vorteile der Photovoltaik, damit immer mehr Hauseigentümer und Unternehmen in die Technologie investieren.

Wie pragmatisch ist die Schweiz bei der Anpassung von Vorschriften? Im Vergleich zu Deutschland haben wir aus meiner Sicht eine bürger- und praxisnähere Regulierung. Als Unternehmer und Politiker bin ich nahe an der Praxis und kann direkt Einfluss nehmen. Dennoch gibt es auch hier Verwaltungshürden, die wir stetig abbauen müssen. Die Checks and Balances funktionieren aber insgesamt recht gut.

Wie können Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch die Netze entlasten? Seit 2025 ermöglicht das neue Gesetz virtuelle Zusammenschlüsse (vZEV), sodass Nachbarschaften Solarstrom gemeinsam nutzen können, ohne eigene Leitungen und Stromzähler zu installieren. Das reduziert Netzbelastungen und senkt Kosten. Erste Projekte funktionieren und es gibt bereits eine hohe Nachfrage. Besonders in ländlichen Regionen kann dies helfen, Netzengpässe zu vermeiden und den Eigenverbrauchsanteil deutlich zu steigern. Ab 2026 kommen die lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) dazu, was die Anreize weiter verstärkt. Zudem sinken die Preise für Batteriespeicher stark, sie werden heute bei jeder zweiten neuen PV-Anlage eingesetzt - in Kombination mit vZEV und LEG wird die Netzstabilität nochmals verbessert. Wichtig ist parallel auch der Ausbau von smarten Steuerungssystemen, die den Verbrauch automatisch an die Erzeugung anpassen.

Gibt es genug Fachkräfte für den massiven Photovoltaikausbau? Swissolar hat 2024 eine eigene Berufslehre für Solarinstallateure eingeführt. Wir wollen jährlich 400 neue Lernende ausbilden. Neben klassischen Ausbildungen gibt es Weiterbildungskurse für Fachkräfte aus verwandten Berufen. Ein weiterer Weg ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen. Zusammen möchten wir spezialisierte Studiengänge fördern, die sich mit der Integration erneuerbarer Energien in bestehende Infrastrukturen befassen. Die langfristige Sicherung von qualifiziertem Personal bleibt eine der größten Herausforderungen. Zudem werden auch Experten für Energiemanagement und digitale Steuerungssysteme immer wichtiger.

Seit 2025 ermöglicht das neue Gesetz virtuelle Zusammenschlüsse (vZEV), sodass Nachbarschaften Solarstrom gemeinsam nutzen können, ohne eigene Leitungen und Stromzähler zu installieren

Wie können Genehmigungsverfahren für grosse PV-Anlagen beschleunigt werden? Der grösste Zubau findet auch künftig auf Gebäuden statt, wo Genehmigungen vergleichsweise einfach sind. Für grosse Anlagen braucht es jedoch schlankere Verfahren, insbesondere in den Alpen. Hier arbeiten wir politisch an Beschleunigungsgesetzen, ohne die Umweltstandards im Kern zu vernachlässigen. Ein Ansatz könnte die Schaffung von vordefinierten Vorrangflächen sein, die bereits genehmigungsrechtlich vorbereitet sind, um Prozesse zu verkürzen. Die Integration von Agri-Photovoltaik in landwirtschaftlichen Betrieben bietet künftig ebenfalls große Potenziale, die noch nicht ausgeschöpft sind.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden. Einheitliche Standards und digitale Plattformen könnten Prozesse transparenter und effizienter gestalten. Letztlich wird auch die öffentliche Akzeptanz eine große Rolle spielen – daher müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam daran arbeiten, die Vorteile der Energiewende klar zu kommunizieren.

2. Apr 2026

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Business

Kein Roboter zum Gelddrucken, aber ein starker Wächter: KI bei Banken

Künstliche Intelligenz kann im Bankwesen schon ziemlich viel – aber eigenständig Geld drucken oder wundersam vermehren, das kann sie (noch) nicht. Banken setzen KI heute flächendeckend in mehreren Bereichen ein, allen voran in der Betrugsprävention, wo Fraud Detection mittlerweile Branchenstandard ist. KI-gestützte Systeme analysieren Transaktionen von Kundinnen und Kunden in Echtzeit, erkennen und stoppen auffällige Transaktionen und Zahlungsanweisungen in der Regel sofort, und reagieren innerhalb von Sekunden auf neue Angriffsszenarien. Gerade, weil sich Betrugsmaschen ständig weiterentwickeln, ist die Adaptionsgeschwindigkeit in diesem Bereich besonders hoch. Solche Systeme werden in Zukunft weiter optimiert werden, wodurch Banken Routineaufgaben mehr und mehr automatisieren können. Das eröffnet neue Möglichkeiten für personalisierte Kundenberatung, schnellere Analysen – etwa bei Kreditentscheidungen – und insgesamt bessere Kundenerlebnisse. Banken nutzen KI auch immer öfter, um internes Wissen für ihre Mitarbeitenden zu strukturieren, aufzubereiten und schneller zugänglich zu machen. Ziel ist es, Informationen effizienter zu nutzen und Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Im Vergleich zur Betrugsprävention befindet sich dieser Bereich jedoch noch in einer stärkeren Wachstumsphase, auch wenn die Entwicklung hier aktuell sehr dynamisch verläuft. >Der Mensch muss weiterhin die Kontrolle über kritische Prozesse behalten und klare Grenzen setzen. Es gibt unzählige Anbieter von bankenspezifischer KI. Viele davon decken nur bestimmte Anwendungsfelder ab, weshalb Banken häufig mehrere KI-Systeme parallel einsetzen. Auch, wenn Banken langjährige Erfahrung im Umgang mit sensiblen Daten haben, kann die Auswahl passender KI-Tools herausfordernd sein, denn die Lösungen müssen regelkonform sein, Change Compliance- und Datenschutzrichtlinien beachten, außerdem sollten die Daten innerhalb Europas bleiben und nicht unkontrolliert in andere Rechtsräume fließen. Erhöht KI im Bankwesen nun die Sicherheit – oder eher das Risiko für Betrug und Verlust? Grundsätzlich beides. Denn einerseits verbessert KI die Fähigkeit, Betrug frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, andererseits entstehen neue Gefahren, insbesondere durch autonome KI-Agenten. Je mehr Entscheidungsfreiheit diese Systeme erhalten, desto größer ist das Risiko, dass sie Sicherheitsvorgaben umgehen oder manipuliert werden. Deshalb gewinnt das Prinzip „Human in the Loop“ beziehungsweise „Human in the Lead“ an Bedeutung: Der Mensch muss weiterhin die Kontrolle über kritische Prozesse behalten und klare Grenzen setzen. Auch im Finanzmarkt insgesamt sind automatisierte Prozesse kein neues Phänomen. Mechanismen wie algorithmischer Handel oder Stop-Loss-Orders können bereits heute Kettenreaktionen auslösen. KI könnte solche Effekte künftig verstärken, stellt aber nicht die ursprüngliche Ursache dar. Wohin wird sich KI im Bankwesen entwickeln? Eigenständig Geld drucken wird sie hoffentlich niemals – doch sie wird als umfassendes System im Hintergrund immer besser in den Bankenalltag integriert werden. Der Mensch wird im Bankwesen jedoch in zentralen Bereichen immer die Oberhand behalten, besonders bei der letzten Kontrolle und beim direkten Kundenkontakt – denn hier können aufmerksame Bankangestellte besser als jede KI als Sicherheitsschranke wirken, die ihre betagten Kundinnen davor schützen, auffällige Transaktionen hoher Summen vorzunehmen. >Banken nutzen KI auch immer öfter, um internes Wissen für ihre Mitarbeitenden zu strukturieren, aufzubereiten und schneller zugänglich zu machen.