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27. Mär 2025

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Gesellschaft

Nachhaltig leben heißt klug gestalten – Im Intervoew mit Van Bo Le-Mentze, Architekt

Journalist: Julia Butz

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Foto: Jan Pries

Architekt Van Bo Le-Mentzel im Interview: Ein Gespräch über smarte Wohnkonzepte, Raumqualität und die Frage, was modernes Wohnen wirklich bedeutet.

Mit seinen Ideen für platzsparendes, bezahlbares Wohnen zählt Van Bo Le-Mentzel zu den prägenden Stimmen der Smart Living‑Bewegung. Der Gründer der Tiny Foundation entwickelt Konzepte, in denen gutes Design, soziale Verantwortung und effiziente Raumnutzung zusammenfinden. Projekte wie der 2025 gestartete Gemeinwohlbau oder die Hartz IV‑Möbel zeigen, wie sich Architektur sinnvoll denken lässt. Als Beitrag zu einer Stadt, die für alle lebenswert bleibt.

Van Bo, was bedeutet für Sie Smart Living? Smart Living heißt für mich nicht, dass alles digital vernetzt ist, sondern dass wir lernen, mit Raum, Energie und Ressourcen bewusster umzugehen. Wahre Lebensqualität entsteht, wenn wir durchdacht gestalten und vorhandenen Raum sinnvoll nutzen, statt immer mehr und größer zu bauen. Tiny Houses beispielsweise zeigen das sehr anschaulich: Weniger kann tatsächlich mehr sein, weil Reduktion Freiraum schafft. Natürlich braucht es trotzdem den Geschossbau, um für alle bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Aber am Ende geht es um Balance: nicht mehr besitzen, sondern besser leben.

Bedeutet denn nicht mehr Raum = mehr Lebensqualität? Ich bin überzeugt, dass das Glück des Wohnens weniger aus maximaler Freiheit entsteht, als aus einer strukturierten Form von Dichte. Historische Modelle wie die Blockrandbebauung zeigen, wie erfolgreich räumliche Verdichtung sein kann. Man kennt sich, man sieht sich, man interagiert. Die nachbarschaftliche Nähe erzeugt Lebendigkeit – genau das, was weltweit die beliebtesten Stadtviertel ausmacht. Schauen Sie nach New York oder Paris: überall verdichtete Strukturen, gemischte Nutzung, kurze Wege. Dort pulsiert das Leben, weil sie Dichte nicht als Mangel, sondern als Qualität verstehen.

Wahre Lebensqualität entsteht, wenn wir durchdacht gestalten und vorhandenen Raum sinnvoll nutzen, statt immer mehr und größer zu bauen.

Die (Blockrandbebauung) ist eine städtebauliche Form aus der Gründerzeit. Liegt die Antwort auf Smart Living-Modelle nicht eher in neuen Technologien? Architektur ist stark von Innovation geprägt, was grundsätzlich richtig und wichtig ist. Doch in der Geschichte liegen oft Antworten, die wir übersehen. Um 1900 wurde Raum, Struktur und Nutzung intelligent zusammengedacht: Wohnungen hatten über drei Meter hohe Decken. Heute gelten 2,50 Meter als Standard, obwohl mehr Höhe ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Wie Tiny Houses zeigen, lässt sich Raum in der Vertikalen vielfältig nutzen, durch doppelte Schlafebenen über dem Bad oder flexible Hänge- und Stapelmodule. Auch die sogenannte Lochfassade dieser Zeit war klug konzipiert: mit mehreren schmalen, hochformatigen Fenstern, die es zulassen, den Grundriss im Inneren bei Bedarf zu verändern. Im heutigen Wohnungsbau werden dagegen meist große, mittig gesetzte Fenster eingesetzt. Sie blockieren potenzielle Wandflächen und schränken die Umgestaltungsmöglichkeiten an unterschiedliche Lebenssituationen stark ein. Das „Mädchenzimmer“, heute würde man Ein-Zimmer-Einliegerwohnung sagen, erlaubte es, sich innerhalb desselben Hauses räumlich zu verkleinern. Wenn aber eine Witwe allein in ihrer Fünf-Zimmer-Wohnung bleibt, weil ein Umzug in eine kleinere aufgrund der heutigen Mietpreise nicht leistbar ist, wird wertvoller Wohnraum blockiert. Mit vorab flexibel durchdachten Strukturen ließe sich dies viel besser nutzen.

Smartes oder grünes Wachstum wird heute meist mit der Nutzung umweltfreundlicher und recycelbarer Materialien gleichgesetzt. Das hat seine Berechtigung, mein Verständnis von Nachhaltigkeit setzt eher bei der Frage an, wie wir so gestalten können, dass Gebäude wirklich lange und über Generationen Bestand haben. In der Architektur gilt das allerdings als unmodern. Weil man noch immer davon ausgeht, dass jede Generation ihre eigene Architektursprache braucht. Es ist doch so: In vielen Städten in Deutschland sehen wir leerstehende Büroflächen und gleichzeitig einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Neubauten schaffen meist Luxuswohnungen, die am Bedarf vorbeigehen. Ich glaube, wir müssen das Prinzip des gemeinschaftlichen Wirkens sehr viel mehr stärken. Mit Baugruppen, Genossenschaften, gemeinnützigen Initiativen. Wenn sich Menschen zusammentun, eigene Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen, entstehen Projekte, die sozial, nachhaltig und wirklich leistbar sind. So kann die Zivilgesellschaft selbst Teil der Lösung werden, statt auf große Investoren zu warten.

  • Bei der geschlossenen Blockrandbebauung umschließen mehrgeschossige Gebäude als Ränder eines Baublocks entlang der Straße einen gemeinsamen Innenhof. Sie trennt öffentliche Straßenräume von privaten Rückzugsräumen und fördert dichte, gemischte Quartiere aus Wohnen und Gewerbe.

Architektur ist stark von Innovation geprägt, was grundsätzlich richtig und wichtig ist.

Factbox :

Van Bo Le-Mentzel lebt mit seiner Familie in einer 50 qm-Wohnung in Berlin. Wenn er nicht gerade Projekte für bezahlbaren Wohnungsbau vorantreibt, spielt der zweifache Vater gern Schlagzeug. Momentan sucht er Investoren, um bezahlbaren Wohnraum in Berliner Baulücken zu setzen: www.gemeinwohlbau.de

Frage/Wunsch von Le-Mentzel, ob wir die URL setzen würden.

18. Mär 2026

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Gesellschaft

Hören macht klug

Kaum läuft der Lieblingssong, wird aus dem Kinderzimmer eine Bühne. Es wird gehüpft, getanzt, gerappt und mitgesungen. Musik bringt positive Energien ins Leben – und kann noch viel mehr: Musik stärkt das Arbeitsgedächtnis von Kindern, also die Fähigkeit, Informationen kurzzeitig zu speichern und zu verarbeiten. Damit Kinder neue Inhalte verstehen und anwenden können, braucht das Arbeitsgedächtnis eine ausreichend große Kapazität. Ist diese noch nicht altersgemäß entwickelt, kann das Lernen zur Herausforderung werden. Musik wirkt da im Kopf wie Fitness. Als gezieltes Gedächtnistraining, mit der die geistige Leistungsfähigkeit, schon im Vorschulalter, gefördert und somit das spätere Lernen erleichtert wird. Hörspiele ergänzen diese Reise in die Klangwelt: Kinder konzentrieren sich auf das gesprochene Wort und lernen Geschichten aus Stimmen, Geräuschen und Musik zu visualisieren. Statt auf Bilder zu schauen, erschaffen sie diese selbst im Kopf. Das fördert die Fantasie, Sprachentwicklung und Konzentration. Auch Singen macht Sprache lebendig. Mit Reimen, Wiederholungen und eingängigen Melodien entdecken Kinder neue Wörter und Satzmuster ganz intuitiv. Dabei wächst nicht nur ihr Sprachgefühl, sondern auch das Wir-Gefühl: Beim gemeinsamen Singen hören sie aufeinander, reagieren im Takt und erleben echtes Miteinander. Wenn die Musik dann in Bewegung übergeht, wird aus Rhythmus Körpergefühl. Tanzen stärkt Motorik, Koordination und Selbstvertrauen. >Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Was sich in den letzten Jahren deutlich verändert hat, ist die musikalische Sprache, in der all das passiert. Moderne Kinderlieder lösen sich zunehmend vom pädagogischen Zeigefinger und suchen die Nähe zur Popkultur. Statt bravem Gitarrenfolk vom Pädagogen in Latzhose mit Mitmachliedern übers Zähneputzen, erklingen Hip-Hop-Beats, Indiepop und Reggae-Grooves. Die Texte greifen Themen auf, die Kinder beschäftigen: Familienalltag, Freundschaft, kleine Wutanfälle oder erzählen vom Mut, das erste Mal auf dem Fahrrad zu fahren. Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Und ja – wenn das Lieblingslied zum hundertsten Mal läuft, nervt es vielleicht ein bisschen weniger, wenn der Text nicht von Reimen auf Hände waschen handelt, sondern davon, dass Eltern auch nur Menschen sind. Was einen Song besonders „kindertauglich“ macht, ist trotzdem eine Wissenschaft. Laut einem Bericht der New York Post¹ haben Forschende aus Sheffield herausgefunden, dass dazu ein Tempo zwischen etwa 60 und 120 BPM gehört, also ein Rhythmus, bei dem es sich gut mitwippen lässt; eingängige Wiederholungen sowie eine klare, positive Klangstruktur. Kommt Ihnen bekannt vor? Das sind genau die Zutaten, die es für einen guten Ohrwurm braucht. ¹ New York Post: „‘Radio Ga Ga’ is scientifically proven to be a perfect kids song“, 6. August 2024.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.