7. Jul 2026
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Wirtschaft
Journalist: Chan Sidki-Lundius
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Foto: DGNB, C Dustin/unsplash
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ist Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Wir haben mit Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, gesprochen.

Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB
Frau Dr. Lemaitre, wie steht es um die Nachhaltigkeit im Bauwesen? Das Bild ist sehr heterogen. Viele Unternehmen sind bereits sehr weit und haben Nachhaltigkeit als Kern ihrer Prozesse oder Produkte fest verankert. Andere sind noch am Anfang. Übergeordnet lässt sich aber feststellen, dass das Thema weiterhin an Bedeutung gewinnt und immer selbstverständlicher für viele im Bauen wird – auch wenn aktuell teils ein anderes Bild in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Das könnte und müsste bestenfalls sehr viel schneller gehen. Aber der Baubereich ist komplex und in Teilen eher veränderungsresistent, sodass bei manchen Akteuren eher die Herausforderungen als die Chancen gesehen werden.
Was sind denn die größten Herausforderungen, an denen Sie gerade arbeiten? In Deutschland gibt es eine starke Lobby, die versucht, die Transformation im Bauen in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz auszubremsen. Hier braucht es informierte Entscheidungsträger, etwa in Kommunen oder Politik, die die Notwendigkeiten und Möglichkeiten des nachhaltigen Bauens richtig einordnen können, um die passenden Anreize zu schaffen, damit das Thema noch mehr in Breite kommt.
Im Mai haben Sie Ihr überarbeitetes Zertifizierungssystem für Neubauten vorgestellt. Worum geht’s da? Im Ergebnis stellt die Version 2023.2 einen deutlich verschlankten Kriterienkatalog dar, der mehr Wirkung bei weniger Aufwand erzeugt. Außerdem bietet die Version einen leichteren Einstieg in das Thema für Projekte, die sich neu mit Nachhaltigkeit beschäftigen und noch am Anfang des Ambitionslevels stehen, etwa weil es ihnen primär um Fördermöglichkeiten geht.
In Deutschland gibt es eine starke Lobby, die versucht, die Transformation im Bauen in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz auszubremsen.
Die DGNB hat auch einen Kriterienkatalog zur Zertifizierung von Bestandsquartieren veröffentlicht. Das stimmt. Wenn es nur einige wenige Leuchtturmprojekte gibt, die Nachhaltigkeit in allen Details umgesetzt haben, hat das zu wenig Wirkung auf die großen Herausforderungen unserer Zeit wie den Klimaschutz, die Klimaanpassung, die Biodiversität und mehr. Auch der alleinige Fokus auf den Neubau reicht nicht aus. Die größten Hebel liegen in der Transformation des Gebäudebestands. Gleichzeitig liegt in der Quartiersbetrachtung viel Potenzial, um Synergien für mehr Nachhaltigkeit ausschöpfen zu können. Die neue DGNB-Zertifizierung für Bestandsquartiere setzt genau hier an. Die Zertifizierung hilft Bestandshaltern, Kommunen, Sanierungsträgern und Wirtschaftsförderern dabei, den Ist-Zustand ihres Quartiers zu bewerten und eine geeignete Maßnahmenstrategie zu entwickeln, um dieses zukunftssicher zu transformieren.
Viele private Bauherren fragen sich, ob sie sanieren oder neu bauen sollen. Was ist Ihr Rat? Pauschal lässt sich das nicht beantworten, da dies abhängig von der bestehenden Gebäudesubstanz ist. In jedem Fall aber sollte man sich mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, inwieweit der Bestand weiter genutzt werden kann, und die entsprechenden Varianten durchspielen. Aus ökologischer Sicht schneidet der Bestandserhalt mit einer Sanierung fast immer besser ab. Die ökonomischen und soziokulturellen Aspekte sollten aber auch in die Betrachtung mit einfließen. Schließlich soll das Haus ja dauerhaft bezahlbar bleiben und die Bewohnenden sollen im Gebäude gesund bleiben und sich wohl fühlen können.
Gerade wurden die Sieger der Sustainability Challenge 2026 gekürt. Was sind Ihre Eindrücke von der Veranstaltung? Die Innovationskraft der Branche ist und bleibt hoch in puncto Nachhaltigkeit. Es gibt viele wertvolle neue Ansätze und Lösungen, die das Potenzial haben, das Bauen an sich weiter zu verbessern. Mit der klimaneutralen Transformation der denkmalgestützten Speicherstadt in Hamburg gab es ein Projekt, das gleich drei Preise gewinnen konnte. Lösungen rund um den Baustoff Lehm waren mehrfach unter den Finalisten und Gewinnern. Aber auch zu Themen wie der Wasserbilanzsteuerung oder dem ressourcenschonenden Einsatz traditioneller Baustoffe gab es tolle Unternehmen und Projekte.
Die Innovationskraft der Branche ist und bleibt hoch in puncto Nachhaltigkeit. Es gibt viele wertvolle neue Ansätze und Lösungen, die das Potenzial haben, das Bauen an sich weiter zu verbessern.