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15. Sep 2021

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Wirtschaft

Nachhaltigkeit und Qualität bedeuten für mich...

Journalist: Armin Fuhrer

Vier Köche sprechen darüber, was Nachhaltigkeit und Qualität für sie bedeuten. 

Thomas Kammeier, Gastronomischer Leiter  des EUREF-Campus Berlin; Foto: Andreas Schwarz

"Weniger ist mehr"

Als Sterne-Koch spielt Qualität für mich eine ganz besonders wichtige Rolle. Qualität sehe ich als Rundum-Programm, zu dem schöne Gerichte ebenso dazu gehören wie ein gutes Restaurant. Qualitativ hochwertige Lebensmittel sind für mich die Basis meiner Gerichte. Das betrifft insbesondere auch den Fleischkonsum. Natürlich ist das eine Frage des Preises – nicht jeder kann sich teures Qualitätsfleisch leisten. Ich bin aber der Ansicht, dass weniger mehr ist, dass es also sinnvoller ist, seltener Fleisch zu essen, dafür aber besseres. Der Verzicht auf industriell produziertes Fleisch tut der eigenen Gesundheit gut und hat positive Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln. Und nicht zuletzt handelt es sich auch um eine Frage des Tierwohls. Das ist schon seit 40 Jahren meine Grundlage, aber diese Einstellung wurde nochmals be-stärkt durch meine 14-jährige Tochter, für die das ein sehr wichtiges Thema ist. 

Wir mussten uns der Thematik auch bei unserem neuen Restaurant The Cord, das auf einem Grill-Konzept fußt, stellen. Auch hier nehmen wir eine qualitative Vorauswahl vor und benutzen vorwiegend irisches Rindfleisch, weil die Tiere zu 95 Prozent auf der Wiese lebten. 


Cornelia Poletto, Köchin, TV-Moderatorin  und Buchautorin; Foto: : studiolassen

Herkunft ist wichtig

In meinem Restaurant und meiner Koch-schule in Hamburg-Eppendorf achte ich sehr auf nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln. In der Erdbeersaison stehen unsere heimischen roten Lieblinge auf der Karte – und nicht weitgereiste Südfrüchte. Herkunft ist natürlich auch bei Fleisch und Fisch ein sehr wichtiges Thema. Ich weiß genau, woher die Zutaten kommen, mit denen ich in meiner Küche arbeite. Rindfleisch beziehe ich zum Beispiel gerne aus Irland. Die hohe Qualität des Irish Beef, die dort im Einklang mit der Natur entsteht, überzeugt mich. Und dass die Tiere im Schnitt zwei Drittel des Jahres auf der Weide stehen, macht einen Genuss mit gutem Gewissen möglich. Mein Bewusstsein für Nachhaltigkeit findet aber auch im Kleinen statt. 

Während ich im Restaurant selbstverständlich haargenau auf Mindesthaltbarkeitsdaten achte, verlasse ich mich zu Hause auch auf meine Sinne: Wie sieht der Joghurt aus, wie riecht und schmeckt er? Ich habe mal gelesen, dass wir Deutschen jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, wegwerfen. Das finde ich schlimm und trage – auch mit nachhaltiger Einkaufsplanung und der richtigen Lagerung – meinen Teil dazu bei, dass weniger Nahrungsmittel verschwendet werden.


Patrick Bittner, Küchenchef im Français  im Frankfurter Hof; Foto: Presse

Qualität statt Quantität

Qualitativ hochwertiges Fleisch erkennt man an einer guten Marmorierung, also an einem feinen Geäst von Fettadern. Man kann daran erkennen, ob ein Tier unter guten Bedingungen, also auf der grünen Wiese, gehalten wurde und ob es gutes Futter, also Gras und Kräuter gefressen hat. Diese Fettadern geben dem Fleisch von Tieren aus guter Aufzucht den typischen Geschmack. Bei schnell gemästeten Tieren dagegen finden sich Wasserablagerungen – das kann man leicht erkennen, wenn das Fleisch in der Pfanne liegt und sich Wasserablagerungen bilden. Außer-dem erkennt man gutes Fleisch am angenehmen Geruch, während das Fleisch von schnell gemästeten Rindern meist säuerlich riecht. 

Diese langsame Aufzucht mit viel Bewegungsmöglichkeiten für die Tiere, natürlichem Futter und salzhaltiger Luft habe ich bei vielen Reisen, zum Beispiel immer wieder in Irland, erlebt. Die Art, wie die Rinder dort aufwachsen, ist zudem sehr nachhaltig, gerade auch im Vergleich zur Massenhaltung in riesigen Ställen. Natürlich hat solches Fleisch seinen Preis und mir ist klar, dass sich nicht jeder jeden Tag teures Fleisch leisten kann. Nach meiner Ansicht nach ist aber weniger mehr – lieber seltener gutes Fleisch essen als täglich schlechtes. 


Wolfgang Becker, deutscher Winzer und Koch; Foto: Neuseelandhirsch

Mehr Sensibilisierung

Bis vor kurzem hat sich eigentlich kaum jemand beim Fleisch für die Herkunft der Ware interessiert. In-zwischen sind viele Beteiligte aber stark sensibilisiert für die Herkunft des Fleisches. Das Bewusstsein ist sowohl unter den Verbraucher:innen als auch unter vielen Herstellern und Lieferanten diesbezüglich eindeutig gestiegen. Wir lassen uns zum Beispiel mit Fleisch aus Irland beliefern, denn ich konnte mich vor Ort selbst davon überzeugen, dass es dort noch unberührte Natur gibt und die Kühe nicht mit Kraftfutter gefüttert werden, sondern dass sie das Gras auf der Weide fressen. Das schlägt sich natürlich auf die Qualität der Ware nieder. 

Klar ist, dass solches Biofleisch nicht den gleichen Preis haben kann wie das Fleisch, das aus der Massentierhaltung stammt. In unserem Restaurant erachten wir es als wichtig, dass trotz hoher Qualität die Preise auch für ein breiteres Publikum tragbar sind. Ich bin der Ansicht, dass es besser ist, seltener Fleisch zu essen, sich dann aber Qualität zu leisten und somit den Genuss zu steigern. Man muss nicht zwangsläufig Veganer:in werden, aber der Fleischgenuss sollte etwas Exklusiveres werden.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.