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16. Sep 2026

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Wirtschaft

Nichts ist verloren, wenn Hoffnung lebt. – Im Interview mit Prof. Henrik von Scheel, Zukunftsforscher

Journalist: Christian Kolb

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Foto: Prof. Henrik von Scheel

Zukunftsforscher Prof. Henrik von Scheel über den Strukturwandel der deutschen Industrie, strategische Möglichkeiten – und was KI nicht verändert. Im Interview erklärt Prof. Henrik von Scheel, Vordenker im Bereich Strategie, die verborgenen Stärken der deutschen Industrie, die strategischen Möglichkeiten des Wandels – und auch, warum die entscheidende Kraft für die Zukunft nicht eine Maschine ist, sondern der Mensch.

Wo steht die deutsche Industrie heute im internationalen Wettbewerb? Die deutsche Industrie ist immer noch eine der stärksten der Welt. Aber das ist kein Trost mehr – es ist ein Vermächtnis, das gerade verspielt wird. Seit 2022 haben sich drei Säulen der Weltwirtschaft gleichzeitig verschoben: die Nachfrage aus China bricht ein, der Zugang zu günstiger russischer Energie ist abgeschnitten, und das geopolitische Gleichgewicht mit Amerika ist instabil. Das sind keine externen Schocks, die man aussitzt. Das ist eine strukturelle Neuordnung – und mit ihr verschwinden die Wettbe-werbs¬grundlagen, auf denen der deutsche Exporterfolg jahrzehntelang ruhte.

Warum ist die Erfolgsgeschichte nun in Gefahr? Der Stärke der deutschen Wirtschaft hatte drei Säulen. Die erste war das Mittelstandsmandat der Regionalbanken. Sparkassen und Volksbanken hatten einen Auftrag: Unternehmen mit Betriebskapital zu versorgen. Das war die Finanzierungsarchitektur hinter dem Wirtschaftswunder. Heute schwindet diese Bereitschaft – ersetzt durch Risikoaversion, Regulierung und Renditedenken. Die zweite Säule war die Ingenieursspezialisierung. Der deutsche Ingenieur galt weltweit als Maßstab, nicht weil er viel wusste, sondern weil er eine Sache besser kannte als jeder andere auf der Welt. Diese Tiefe war der Ursprung von Qualität, von Verlässlichkeit, von Präzision. Heute werden Ingenieure als Generalisten ausgebildet. Das klingt modern – und es ist ein strategischer Rückschritt. Die dritte Säule war günstige Energie. Günstige Energie bedeutete: Stahl, Chemie, Glas, Papier, Keramik – produziert in Deutschland zu Kosten, die international konkurrenzfähig waren. Günstige Energie ist die unsichtbare Grundlage, auf der Millionen von Arbeitsplätzen, Familienunternehmen und Export-erfolgen ruhen. Wer die Energie verteuert, verteuert alles: Produktion, Lagerung, Transport, Wettbewerbsfähigkeit.

Was heißt das für die deutsche Energiewende? Das Fundament des Mittelstands wurde der Klimapolitik geopfert. Nicht weil Klimaschutz falsch ist. Sondern weil der eingeschlagene Weg die Kosten einseitig auf die Industrie abgewälzt hat – ohne Ausgleich, ohne Übergangsstrategie, ohne die ehrliche Frage: Was zerstören wir gerade, und zu welchem Preis? Das ist das eigentliche Versäumnis. Nicht die Energiewende selbst. Sondern die Weigerung, ihren industriellen Preis offen zu benennen und zu tragen.

Wenn alle mit dem Strom treiben, liegt das Schicksal flussaufwärts.

Welche strategischen Möglichkeiten sehen Sie für die deutsche Industrie? Nichts jedoch ist verloren – die größte Möglichkeit liegt genau dort, wo Deutschland am stärksten ist: in der Verbindung von tiefem Ingenieurswissen im Mittelstand mit dem Zugang zu Kapital. Deutschland muss sein Differenzierungsmerkmal neu erfinden – wenn alle mit dem Strom treiben, liegt das Schicksal flussaufwärts. Das bedeutet zweierlei: die bestehende Fertigungsbasis verteidigen und gleichzeitig eine neue Leitindustrie aufbauen – die Bio-Revolution. Hier liegt Deutschlands eigentliche Chance. Die eigentliche KI-Revolution findet nicht im Silicon Valley statt – sie findet in der Bio-Revolution statt. Und dort, an der Schnittstelle von Ingenieurspräzision, Lebens-wissens¬chaften und digitaler Intelligenz, kann Deutschland die Welt führen. Das ist die Bio-Revolution – die vierte Evolution der Industrie 4.0. Industrie 4.0 ist die Kollision von 98 Megatrends, die sich in acht evolutionären Stufen bis mindestens 2050 entfalten.

Was muss die Politik tun, damit die Industrie in Zukunft erfolgreich sein kann? Deutschland braucht einen Wachstumsplan. Der heutige Wachstumsplan ist wie der König ohne Kleider, alle sehen es, aber niemand spricht es aus. Ein Wachstumsplan braucht drei Dinge und alle drei sind machbar, wenn der politische Wille da ist. Erstens: Energiekosten markant senken. Zweitens: Der Mittelstand braucht Zugang zu Kapital. Drittens braucht Deutschland eine klare Antwort auf die Frage, in welchen Bereichen wir 2035 Weltmarktführer sein wollen. Ein Wunsch wäre noch: die Genehmigungsverfahren müssen radikal verkürzt werden.

Die deutsche Industrie ist immer noch eine der stärksten der Welt. Aber das ist kein Trost mehr – es ist ein Vermächtnis, das gerade verspielt wird.

Factbox:

Prof. Henrik von Scheel (56) stammt aus dem Königreich Dänemark. Als er lernte, mit einer schweren Form der Doppeldefizit-Legasthenie und dem Stottern zu leben, verwandelte er die Behinderung unwissentlich in eine Gabe. Die Fähigkeit Muster zu erkennen, nutzt er zur wissenschaftlichen Erforschung von Strategie.

29. Sep 2026

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Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.