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21. Jun 2021

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Wirtschaft

Sichere Supply Chain

Sichere Lieferketten sind der Garant für eine weltweit florierende Wirtschaft. Jede Störung kann Kosten in Milliardenhöhe verursachen.

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Michael Brandl, CEO Software Europe and Middle East, Körber-Geschäftsfeld Supply Chain & Andreas Ebert, CEO Automation, Körber-Geschäftsfeld Supply Chain; Fotos: Körber

Als im März die „Ever Given“ der Reederei Evergreen plötzlich den Suez-Kanal blockierte, schrillten in den Logistikunternehmen dieser Welt die Alarmglocken. Sechs Tage blockierte eines der größten Containerschiffe der Welt die wichtigste Wasserstraße der Welt. Noch immer kämpfen die Häfen in Europa und Asien mit den durch die Havarie verursachten Verzögerungen. Nach der Flaute durch die Pandemie können die Häfen die Masse an Schiffen kaum abfertigen. Mit Folgen für uns alle. Aldi und Lidl fehlten plötzlich ihre Aktionsware, Mitarbeitern bei Lekkerland fehlten die nagelneuen Laptops und Industriebetriebe mussten ihre Produktion drosseln, weil die Rohstoffe ausblieben.

Ein kleiner Zwischenfall, der die gesamte Supply Chain in der Welt mit Milliardenverlusten belastete. Hier zeigt sich, wie abhängig unsere Wirtschaft von einem stetigen Zufluss an Waren, Rohstoffen und Produkten ist. Doch auch die Coronapandemie hat im letzten Jahr für unzählige Verwerfungen in den globalen Lieferketten gesorgt. In den Unternehmen der Logistikbranche muss umgedacht werden. Um auch für solche Fälle gewappnet zu sein und das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt mit hoher Qualität an den Kunden zu liefern, erfordert die Supply Chain einen Fokus auf Flexibilität, Resilienz und Nachhaltigkeit.

So sieht es auch Michael Brandl, CEO Software Europe and Middle East, Körber-Geschäftsfeld Supply Chain: „Die Zeit der starren Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt scheint sich damit dem Ende zu neigen. Flache Lieferketten verwandeln sich bereits heute in komplexe Logistiknetzwerke. Die Warenflüsse in diesen Netzwerken zu planen und zu steuern und somit alle Prozesse entlang der Lieferkette aufeinander abzustimmen ist die zentrale Aufgabe der IT-Lösungen im Supply Chain Management.“

Eine Aufgabe, die einen kompletten Umbruch der Branche bedeuten wird. In den letzten Jahren hat die Digitalisierung auch in der Logistik Einzug gehalten. Dabei kommt Software entlang der gesamten Wertschöpfungskette zum Einsatz. Bereits heute schreitet die digitale Vernetzung sämtlicher physischer Objekte – von Warenstücken über Paletten bis hin zu technischen Komponenten der Logistik wie Fördertechnik oder Telematiksysteme in LKWs – weiter voran. Das ermöglicht Transparenz in der Lieferkette bis auf Warenstückebene. In Lagerhallen wird abgesehen von traditionellen Automatisierungskomponenten auch Technologie wie autonome mobile Roboter eingesetzt, die mit den Arbeitskräften zusammenarbeitet und somit die Produktivität erhöht.

 „Künstliche Intelligenz und Machine Learning werden in diesen IT-Lösungen verstärkt Einzug halten. Damit werden Planungsaufgaben verbessert und die Entscheidungsunterstützung über selbst-lernende Algorithmen ermöglicht. Zudem können Störungen prognostiziert werden. Das alles führt zur Erhöhung der Effizienz des Logistikbetriebs“, so Michael Brandl. Das sieht auch Andreas Ebert, CEO Automation, Körber-Geschäftsfeld Supply Chain. „Die Automatisierung in deutschen Logistikunternehmen gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die klassischen manuellen Arbeitsabläufe werden immer häufiger in automatisierte Prozesse umgesetzt. Unternehmen sind dazu gedrängt, infolge kürzerer Lieferzeiten und höherer Flexibilitätsanforderungen aufgrund der Komplexität der zu leistenden Prozesse effizienter zu arbeiten. Das treibt die Automatisierung und Vernetzung innerhalb der Supply Chain weiter voran. Generell denke ich, dass die deutschen Logistikunternehmen heute schon gut aufgestellt sind und eine solide Basis haben, um dem Trend Folge leisten zu können.“

Die Logistikbranche steht also vor enormen Herausforderungen. Um die Transparenz entlang der Lieferketten zu gewährleisten, sind neue Technologien und Lösungen gefragt. Viele Startups stehen in den Starlöchern, wollen ihre Produkte an den Markt bringen. Doch wo lassen sich wirklich Kosten einsparen, wo wird der Materialfluss optimiert und welche Möglichkeiten bestehen am Ende in der Realität?

„Logistikkompetenz wird zunehmend abhängig von der IT-Kompetenz der notwendigen Lösungen. Das Anforderungsprofil der Entscheider aber auch der handelnden Personen wandelt sich dem-entsprechend. Partner in diesem Umfeld müssen Lösungen definieren und liefern können anstatt nur technische Komponenten oder IT-Lizenzen. Standardlösungen sind zwar notwendig, um effiziente Prozesse abwickeln zu können, jedoch geht es vielmehr um Flexibilität, Erweiterbarkeit und Integrationsfähigkeit als Schlüssel zum Erfolg für die Anwendungen der Zukunft. Die Systeme der Zukunft werden über alle Disziplinen der Logistik hinweg über einen einheitlichen, intuitiven Bedienkomfort verfügen und mit der Hilfe von Dashboards und einfachen Analysemöglichkeiten einen schnellen Überblick über die gesamte Supply Chain erlauben“, sagt Michael Brandl. Wir sind gespannt auf die Systeme der Zukunft und was sie am Ende wirklich bewirken werden.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.