31. Mär 2026
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Gesellschaft
Journalist: Katja Deutsch
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Foto: Presse
Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB e.V., fordert bei der Bestandssanierung mehr fundiertes Wissen statt bloßer Meinungen – und ein Ende effekthascherischer, ökologisch fragwürdiger Neubauten. Jede Projektleitung sollte sich dabei eine zentrale Frage stellen.
Frau Dr. Lemaitre, deutschlandweit fehlen 1,4 Millionen Wohnungen. Da kommt doch der ausgerufene Bau-Turbo der neuen Bundesregierung gerade richtig, oder? Kommunikativ bestimmt! In der Realität… wird es nicht so schnell gehen, wie das vielleicht suggeriert wird.
Wann rechnen Sie denn mit den ersten Impulsen? Ich glaube, die Impulse sind schon erfolgt. Der Bau-Turbo ist ja eigentlich ein Planungs-Turbo. Er hat dazu geführt, dass sich viele Städte und Gemeinden intensiver mit der Frage auseinandersetzen, unter welchen Kriterien bislang nicht berücksichtigte Grundstücke künftig bebaubar sein könnten. Ob daraus schon konkrete Anträge entstehen, bleibt abzuwarten. Da das Vorhaben zudem bis 2030 als Testphase angelegt ist, glaube ich, dass das Ganze rhetorisch mehr suggeriert, als es bewirken wird.
In welchen Bereichen könnte er vor allem Wirkung zeigen? „One fits all“ ist oft ein Problem. Während große Städte Kapazitäten haben, um sich mit dem Thema beschäftigen zu können, fehlt sie den kleinen Gemeinden. Planerisch hängt die Entscheidung stark an den politischen Gremien. Wir hoffen auf sinnvolle Verdichtung, sehen aber die Gefahr zusätzlicher Bebauung im Außenbereich, obwohl Nachverdichtung oft sinnvoll und möglich wäre.
Während in manchen Regionen mit viel Leerstand der Abriss zum Teil gefördert wird, fehlt besonders in süddeutschen Ballungsräumen bezahlbarer Wohnraum bei kaum verfügbaren Flächen. In diesem Spannungsfeld müssen sich Kommunen klug positionieren.
Bei jedem Projekt sollte man sich fragen: Würde ich selbst hier wohnen wollen? Wenn man darüber erst lange nachdenken muss, stimmt etwas nicht.
Werden durch das vereinfachte Genehmigungsverfahren die Nachhaltigkeitsziele geschwächt? Viele Kommunen machen sich über Innenverdichtung statt neue Baugebiete auf der grünen Wiese zu erschließen schon lange intensive Gedanken. Bei den Standards tendiert die politische Diskussion derzeit leider stark zu „schnell und billig“ bauen – also: billig. Für Kommunen ist der Druck enorm. Sie bauen nicht selbst, sondern sind auf private Investoren angewiesen, die Nachhaltigkeit oft aus Kostengründen ausklammern, zumal Klima- und Umweltthemen politisch an Priorität verloren haben. So entsteht eine Negativspirale. Dabei sollte es nicht um möglichst billiges Bauen gehen, sondern um guten, bezahlbaren Wohnraum, in dem Menschen langfristig gerne leben.
Gut die Hälfte der sechs Millionen Einfamilienhäuser, die zwischen 1949 und den 1970er Jahren gebaut wurde, ist energetisch ineffizient gebaut. Sanieren – oder gleich abreißen und einen nachhaltigen und energieeffizienten Neubau hinsetzen? Es kommt ganz darauf an! Auch hier gilt: Pauschallösungen und -aussagen sind einfach nicht hilfreich, entscheidend sind Standort und Nutzung eines Gebäudes. Ist künftig CO₂-neutrale Fernwärme verfügbar, erübrigt sich etwa ein eigenes Heizsystem. Auch Dämmstandards müssen projektindividuell und wirtschaftlich sinnvoll festgelegt werden.
Photovoltaik und Wärmepumpen sind grundsätzlich immer sinnvoll, auch wenn die Politik im gerade vorgestellten Gebäudemodernisierungsgesetz auf eine ominöse Technologieoffenheit setzt, die fossile Optionen wieder legitimieren soll. Alte Gebäude sind ja nicht automatisch schlecht: Ihre Speichermasse kann im Sommer Vorteile haben, während leichte Holzbauweisen schneller überhitzen. Statt „worst first“ sollte dort investiert werden, wo mit vertretbarem Aufwand die größten Energie- und Emissionseinsparungen möglich sind.
Macht eine Wärmepumpe bei solchen Altbauten Sinn? Wärmepumpen waren früher im Neubaukontext gedacht, ihr Einsatz im Bestand hat aber in den letzten Jahren zugenommen und die Industrie hat entsprechende Lösungen entwickelt. Eine Studie der Technische Universität Braunschweig zeigt z.B., dass Wärmepumpen auch im unsanierten Bestand viel bewirken können.
Viele Kommunen machen sich über Innenverdichtung statt neue Baugebiete auf der grünen Wiese zu erschließen schon lange intensive Gedanken.
Welche Baustoffe oder Konstruktionsweisen haben die größte nachhaltige Wirkung? Ich halte es für zu kurz gegriffen, alles auf das Material zu reduzieren. Nachwachsende Rohstoffe sind kein Allheilmittel. Entscheidend ist, was regional verfügbar und konstruktiv sinnvoll ist, inklusive Speichermasse und Bauweise. Bei der Dämmung sollten recycelte oder nachwachsende Materialien Standard sein, doch das größte Potenzial liegt in der Suffizienz: Wie viel Fläche brauchen wir wirklich? Jeder nicht gebaute Quadratmeter spart Kosten, Wartung und CO₂. Zudem muss die Materialwahl mit dem Energiekonzept zusammengedacht werden, da viele Emissionen erst in der Nutzung entstehen.
Wie sieht ein wirklich zukunftsfähiger Gebäudesektor in zehn Jahren für Sie aus? Ein zukunftsfähiger Gebäudesektor würde endlich auf fundiertem Wissen beruhen. Alle Akteure bräuchten eine gemeinsame, sachliche Orientierung an sinnvollen Lösungen und sollte auf Regionalität, Angemessenheit und langfristige Nutzbarkeit setzen statt auf umweltschädliche Showeffekte.
Was möchten Sie den Verantwortlichen der Baubranche noch mitgeben? Meinungen sind kein Wissen. Nachhaltigkeit ist keine Raketenwissenschaft. Bei jedem Projekt sollte man sich fragen: Würde ich selbst hier wohnen wollen? Wenn man darüber erst lange nachdenken muss, stimmt etwas nicht.
Dr. Christine Lemaitre - wollte eigentlich Brückeningenieurin werden - ist ein riesiger Hundefreund