28. Jan 2026
|
Gesundheit
Journalist: Pia Rische
|
Foto: Getty Images/unsplash, Presse
Mentale Gesundheit ist entscheidend für unser Wohlbefinden. Nora Dietrich erklärt, warum sie im Arbeitsalltag mehr Aufmerksamkeit braucht.

Nora Dietrich, Expertin für mentale Gesundheit, Psychotherapeutin und Speakerin
Wie schätzen Sie die Bedeutung mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz ein? Mentale Gesundheit ist heute hochrelevant. Sie liegt an der Schnittstelle zweier Megatrends: dem Wandel der Arbeit (Future of Work) und dem steigenden Fokus auf Gesundheit. Die Pandemie war dabei eher ein Beschleuniger als der Auslöser. Arbeit verändert sich grundlegend – mit KI noch deutlich schneller. Sie ist ein Fundament für Performance, Resilienz, Selbstwirksamkeit und gute Zusammenarbeit. Menschen bringen ihre mentale Verfassung jeden Tag mit zur Arbeit.
Zudem ist mentale Gesundheit zu einem echten Talentmagneten geworden. Rund 60 Prozent der Beschäftigten würden sich eher für einen Job entscheiden, der gut zu ihnen passt und ihr Wellbeing ernst nimmt. Gesundheit ist Teil einer Lebensphilosophie geworden, die Arbeit einschließt.
Welche Verantwortung ergibt sich für Unternehmen? Angesichts des Fachkräftemangels können Unternehmen es sich nicht leisten, mentale Gesundheit zu ignorieren. Überlastung, zu kleine Teams und ein deutlicher Anstieg psychischer Erkrankungen – mit über 52 Prozent mehr entsprechenden Krankschreibungen – sind klare Warnsignale. Wer langfristig leistungsfähig bleiben will, braucht ein stabiles mentales Fundament.
Viele Organisationen setzen bereits auf Benefits, Sportangebote oder externe Workshops. Das ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Workloads lassen sich nicht wegmeditieren. Wenn Ziele unrealistisch sind oder Führung nicht wertschätzend ist, stoßen individuelle Maßnahmen schnell an ihre Grenzen.
Der entscheidende Hebel liegt in der Kultur. Mentale Gesundheit braucht klare Verantwortung, sichtbare Vorbilder und eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie Zusammenarbeit gestaltet wird. Wird das Thema ausschließlich an das Betriebliche Gesundheitsmanagement delegiert, bleibt seine Wirkung begrenzt. Wird es auf Führungsebene gelebt, hat es eine große Signalwirkung.
Mentale Gesundheit braucht klare Verantwortung, sichtbare Vorbilder und eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie Zusammenarbeit gestaltet wird.
Was können Mitarbeitende selbst für ihre mentale Gesundheit tun? Oft fehlt weniger das Wissen als die Erlaubnis. Pausen, klare Grenzen und bewusste Übergänge zwischen Rollen sind zentrale Ressourcen. Gerade Eltern kennen das Gefühl, innerlich noch im Arbeitsmodus zu sein, während der Alltag längst etwas anderes verlangt.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Abschied vom Multitasking. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist eine Form von Wertschätzung. Multitasking ist eine Illusion, die am Ende zu mentaler Erschöpfung führt.
Was hat Sie persönlich motiviert, ein Buch über mentale Gesundheit zu schreiben? Im deutschsprachigen Raum gibt es viele Selbsthilferatgeber oder harte Wirtschaftsliteratur – aber wenig dazwischen. Dabei ist Gesundheit nicht nur eine Frage des Individuums. Teams, Führungskräfte und Organisationen prägen sie maßgeblich. Ich wollte meine Erfahrungen der letzten Jahre teilen und zeigen, dass man auch ohne große Budgets viel bewegen kann – vor allem mit Haltung. Dafür nutze ich mich bewusst selbst als Beispiel.
Die Unternehmerin und Psychotherapeutin kennt das Gefühl von „i don’t have my shit together“. Viele stecken im Chaos des Lebens und im Multitasking fest. Sie nimmt sich daher eine Minute, um in neuen Situationen anzukommen. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist für sie eine Sprache der Liebe, die Führungskräften oft fehlt.