29. Jan 2026
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Gesundheit
Journalist: Thomas Soltau
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Foto: Getty Images/unsplash
Die Sprechstunde wandert auf den Bildschirm. Nicht als Lifestyle-Gag, sondern als leise Antwort auf volle Praxen, lange Wartezeiten und ein Gesundheitssystem, das vielerorts am Anschlag arbeitet. Digitale Gesundheitsdienste sind heute Teil des Alltags. Ob sie helfen oder schaden, entscheidet sich an Seriosität, Regulierung und Vertrauen.
Wer heute krank wird, erlebt oft zuerst Frust. Termine sind knapp, Telefonleitungen belegt, Wartezimmer voll. In ländlichen Regionen fehlt es an Ärztinnen und Ärzten, in den Städten an Zeit. Digitale Gesundheitsdienste setzen genau an diesem Punkt an. Sie versprechen keinen Ersatz für die klassische Medizin, sondern einen niedrigschwelligen Zugang: eine strukturierte Ersteinschätzung, ein ärztliches Gespräch per Video oder Telefon, eine klare Entscheidung darüber, wie es weitergeht. Im besten Fall verkürzen sie nicht die Medizin, sondern den Weg dorthin.
Wie relevant diese Angebote inzwischen sind, lässt sich mit Zahlen belegen. Nach aktuellen Erhebungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung wurden in Deutschland im Jahr 2024 rund 2,7 Millionen Videosprechstunden durchgeführt. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig bleibt Telemedizin gemessen am gesamten ambulanten Versorgungsgeschehen ein überschaubarer Anteil. Im vierten Quartal 2024 entfielen rund 0,2 Prozent aller ambulanten Behandlungsfälle auf Videosprechstunden. Diese Relation ist wichtig, weil sie zwei Dinge zeigt: Telemedizin ist weder Randerscheinung noch Massenabfertigung. Sie ist ein gezielt eingesetztes Instrument.
Genau darin liegt ihre Stärke. Digitale Gesundheitsdienste eignen sich für klar umrissene Situationen. Dazu zählen akute, unkomplizierte Beschwerden wie Infekte, Hautprobleme oder Allergien. Auch Rückenschmerzen eignen sich häufig für eine erste ärztliche Einschätzung, damit klar ist, ob Abwarten genügt oder schnell eine Untersuchung vor Ort benötigt wird. Hinzu kommen organisatorische Leistungen, die das System belasten: Folgerezepte, Verlaufskontrollen, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Vieles davon ist medizinisch relevant, aber nicht zwingend an ein Wartezimmer gebunden. Digital kann hier entlasten, wenn es richtig gemacht ist.
Richtig gemacht heißt vor allem: streng reguliert. Die Fernbehandlung ist in Deutschland berufsrechtlich erlaubt, aber an klare Regeln gebunden. Ärztinnen und Ärzte entscheiden, nicht Plattformen. Sie haften wie in der Präsenzpraxis und unterliegen dem deutschen Berufsrecht. Ebenso zentral ist der Datenschutz. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Informationen überhaupt. Seriöse digitale Gesundheitsdienste arbeiten DSGVO-konform, speichern Daten in Europa und legen transparent offen, wer Zugriff hat und wie Entscheidungen vorbereitet werden. Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen, sondern durch Nachvollziehbarkeit.
Die Palette der Indikationen hat sich in den vergangenen Jahren erweitert. Neben akuten Beschwerden spielen zunehmend psychische Belastungen eine Rolle, etwa Schlafstörungen, Stresssymptome oder erste Anzeichen von Erschöpfung. Digitale Angebote ersetzen hier keine Therapie, können aber den Einstieg erleichtern und Hemmschwellen senken. Das entlastet nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch Praxen und Notaufnahmen. Der GKV-Spitzenverband sieht in der Telemedizin deshalb einen relevanten Baustein, um Versorgungslücken zu schließen, insbesondere dort, wo Fachkräfte fehlen.
Ein besonders sensibler Bereich ist die Behandlung von Übergewicht. Mit der Einführung moderner Medikamente auf GLP-1-Basis, oft als Abnehmspritzen bezeichnet, hat sich die medizinische Diskussion deutlich verschoben. Diese Therapien gelten als wirksam, sind verschreibungspflichtig und zugleich erklärungsbedürftig. Fachgesellschaften betonen, dass sie nur bei klarer Indikation eingesetzt werden dürfen, begleitet von ärztlicher Kontrolle und eingebettet in ein Gesamtkonzept aus Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung. Digitale Gesundheitsdienste können hier eine Rolle spielen, wenn sie genau diese Standards einhalten: sorgfältige Anamnese, Prüfung von Vorerkrankungen, transparente Aufklärung über Nebenwirkungen und regelmäßige Verlaufskontrollen. Seriosität zeigt sich dabei oft nicht im schnellen Ja, sondern im begründeten Nein.
Kritiker warnen dennoch vor einer Medizin per Mausklick. Die Sorge ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Gute digitale Angebote verkürzen nicht das Arztgespräch, sie strukturieren es. Standardisierte Fragebögen erfassen relevante Informationen vorab und schaffen eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Gleichzeitig bleiben klare Grenzen bestehen. Bei Warnzeichen, komplexen oder unklaren Symptomen endet der digitale Weg. Dann beginnt die Präsenzmedizin. Diese Trennlinie ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal.
Auch volkswirtschaftlich ist der Effekt spürbar. Laut Bitkom sehen mehr als 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in der Telemedizin eine sinnvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Krankenkassen berichten von effizienteren Abläufen, wenn unnötige Praxisbesuche vermieden werden. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das vor allem eines: weniger Reibung im Alltag, schnellere Orientierung und das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden.
Digitale Gesundheitsdienste sind kein Allheilmittel. Sie ersetzen das bestehende System nicht. Sie wirken eher wie ein Stresstest. Sie zeigen, wo Prozesse zu langsam, Wege zu lang und Informationen zu unklar sind. Ihr Erfolg hängt nicht von Algorithmen ab, sondern von Glaubwürdigkeit. Wer Medizin digital anbietet, muss sie ernst nehmen. Dann wird aus dem Klick kein Risiko, sondern ein echter Mehrwert.