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2. Sep 2022

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Gesellschaft

Arbeit und Privates bestmöglich verbinden

Journalist: Silja Ahlemeyer

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Foto: Presse

Die Work-Life-Balance ist ein viel diskutiertes Thema. Im Interview Andreas Schubert (55), Geschäftsführer des Forschungs- und Beratungsinstituts „Great Place to Work“.

Herr Schubert, wie wichtig ist Work-Life-Balance für die körperliche und mentale Gesundheit? 

Eins vorab: Dieses ganze Thema befindet sich gehörig im Umschwung. Sprach man früher von Work-Life-Balance, suggerierte das immer, dass Arbeit etwas Schlechtes ist und Freizeit etwas Gutes. Aber das ist nicht so. Tatsächlich haben die Menschen, die arbeitslos sind, das größere Problem. Arbeit ist wichtig, weil Menschen Sinn erleben und gebraucht werden. Heute wollen wir die Arbeit und die Freizeit möglichst gut miteinander verbinden, dabei ist es wichtig, dass Arbeit auch Spaß macht. Deswegen spricht man besser von Life-Balance, einer guten Verbindung von attraktiver Arbeit und privaten Belangen. Spätestens seit Corona arbeiten sehr viele Unternehmen am Thema hybrides Arbeiten, das heißt der Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort. 

Trägt eine gute Life-Balance also zur Arbeitsmotivation bei?

Ja! Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass die Mehrheit der Menschen beim hybriden Arbeiten, also in der Verbindung zwischen Homeoffice und Bürozeiten, effizienter sind und weniger Stress erleben. Sie können sich zu Hause einerseits gut konzentrieren, andererseits profitieren sie auch vom Netzwerk an der Arbeitsstelle. Da bekommt man das Beste aus zwei Welten.

Wie können Unternehmen eine gute Verbindung von Arbeit und Freizeit fördern?

Eine wichtige Stellschraube ist es, das flexible Arbeiten zu fördern. Beispielhaft hat ein Unternehmen seine Policy geändert: Früher haben sich Mitarbeitende dafür entschuldigen müssen, eine Besprechung vorzeitig zu verlassen, um das Kind aus der Kita abzuholen. Heute ist dafür keine Entschuldigung mehr nötig. Angebote der Flexibilisierung müssen für Frauen wie Männer in den verschiedenen Lebensphasen geöffnet werden. Und: Späte Karrieren, etwa nach der Erziehungszeit, müssen einfacher möglich werden.

Wie ist eine gute Life-Balance im Schichtdienst zu schaffen?

Da können individuelle Regelungen helfen. Etwa, indem der Arbeitgeber moderne Teilzeitregelungen ermöglicht. Auch im Schichtdienst sollte man beispielsweise auf Wunsch die Arbeitszeit reduzieren und später bei Bedarf wieder aufstocken können. Wichtig ist, dass man den Bedarf von Mitarbeitern in der Produktion abfragt und Lösungen für sie entwickelt und sie nicht ausschließt aus modernen Arbeitsformen und einer attraktiv erlebten Unternehmenskultur.

Laut einer YouGov-Umfrage betreiben nur 26 Prozent der deutschen Unternehmen ein aktives Gesundheitsmanagement, das auf die psychische Gesundheit abzielt. Warum sind das so wenige?

Von vielen Firmen wird dieses Thema noch nicht mit den richtigen Strategien und Tools angegangen. Daher ist es häufig unserer Aufgabe als GPTW, Unternehmen zu unterstützen, die psychische Gesundheit in Unternehmen zu messen, das heißt, zu befragen und dann systematisch zu verbessern.

Wie können Arbeitgeber sich verbessern?

Sie sollten gezielte Befragungen zur psychischen Gesundheit unter ihren Mitarbeitenden durchführen und aus den Ergebnissen konkrete Maßnahmen ableiten, die die psychische Gesundheit fördern. Übrigens schreibt auch der Gesetzgeber vor, dass Unternehmen die psychische Gesundheit ihrer Arbeitnehmer steuern und entwickeln sollen.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.