Diesen Artikel teilen:

2. Apr 2026

|

Wirtschaft

Der Strom der Künstlichen Intelligenz

Journalist: Thomas Soltau

|

Foto: Getty Images/unsplash

Der Boom der KI wirkt digital. Seine Folgen sind erstaunlich physisch: Stromleitungen, Kühlanlagen und eine Industrie, die plötzlich strategisch wird.

Wer einmal ein großes Rechenzentrum von innen gesehen hat, vergisst den Eindruck nicht so schnell. Lange Gänge mit dicht an dicht stehenden Serverschränken. Ein permanentes Rauschen der Lüfter. Kabelstränge, so dick wie der Arm eines Kraken. Die Luft ist kühl, die Beleuchtung nüchtern. Hier wird gerechnet. Diese Anlagen bilden das Rückgrat der digitalen Welt. Suchmaschinen, Cloudplattformen oder Streamingdienste laufen seit Jahren in solchen Hallen. Doch mit dem Aufstieg Künstlicher Intelligenz hat sich ihre Bedeutung verändert. Die Server arbeiten heute an Aufgaben, die vor wenigen Jahren noch als experimentell galten.

Das Training moderner KI-Modelle gehört zu den rechenintensivsten Prozessen der digitalen Wirtschaft. Sprachmodelle oder Bildgeneratoren entstehen nicht auf einzelnen Computern. Sie werden in riesigen Rechnerclustern entwickelt. Tausende spezialisierte Prozessoren arbeiten gleichzeitig an Milliarden mathematischen Operationen. Dieser Prozess kann Wochen dauern. Der Energiebedarf solcher Anlagen wächst entsprechend. Die Internationale Energieagentur hat diese Entwicklung in mehreren Studien untersucht. Nach ihren Angaben verbrauchten Rechenzentren weltweit im Jahr 2022 rund 460 Terawattstunden Strom. Zur plastischen Einschätzung: Das entspricht etwa eineinhalb Prozent der globalen Elektrizitätsnachfrage.

Das Training moderner KI-Modelle gehört zu den rechenintensivsten Prozessen der digitalen Wirtschaft.

Mit dem rasanten Ausbau Künstlicher Intelligenz könnte dieser Bedarf deutlich steigen. Szenarien der Energieagentur reichen bis 2030 von etwa 620 bis über 1.000 Terawattstunden jährlich. Damit würde der Stromverbrauch von Rechenzentren in eine Größenordnung vorstoßen, die heute mit dem Energiebedarf ganzer Industrieländer vergleichbar ist. Solche Zahlen lenken den Blick auf eine Branche, die lange eher im Hintergrund arbeitete: Die Halbleiterindustrie. Denn, wie energieeffizient Künstliche Intelligenz künftig arbeitet, entscheidet sich nicht allein in Software oder Datenmodellen. Ein entscheidender Teil dieser Effizienz entsteht in den Chips selbst.

Chipentwickler arbeiten deshalb an neuen Transistorarchitekturen und Fertigungsprozessen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit eine Bauweise, die als Gate-all-around bezeichnet wird. Sie ermöglicht eine präzisere Kontrolle des Stromflusses im Transistor und soll helfen, Leistung und Energieverbrauch besser auszubalancieren. Auch politisch hat das Thema Gewicht bekommen. Die Europäische Union betrachtet Halbleiter inzwischen als strategische Schlüsseltechnologie. Mit dem EU Chips Act sollen Forschung, Produktion und Lieferketten gestärkt werden. Ziel ist es, den Anteil Europas an der globalen Chipproduktion langfristig auf rund zwanzig Prozent zu erhöhen.

Der Boom der Künstlichen Intelligenz hat damit eine weniger sichtbare Seite. Hinter neuen Anwendungen entsteht eine Infrastrukturfrage, die erstaunlich analog ist: Wie viel Energie braucht die digitale Zukunft? Und wer liefert und sichert diese auf nachhaltige Art und Weise?

Die Europäische Union betrachtet Halbleiter inzwischen als strategische Schlüsseltechnologie.

29. Sep 2026

|

Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.