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2. Apr 2026

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Wirtschaft

„Deutschland braucht mehr Mut“ – Im Interview mit Paul Niederstein, Geschäftsführender Gesellschafter von The Coatinc Company

Journalist: Thomas Soltau

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Foto: Presse

Wie ein mehr als 500 Jahre altes Familienunternehmen durch Erfahrung, Disziplin und klare Entscheidungen selbst schwere Krisen übersteht.

The Coatinc Company aus Siegen veredelt Stahloberflächen und geht auf das Jahr 1502 zurück. Der geschäftsführende Gesellschafter Paul Niederstein führt das Familienunternehmen in 17. Generation. Er weiß, warum Erfahrung ein strategischer Vorteil sein kann und weshalb Energiepreise, Regulierung und Standortpolitik den deutschen Mittelstand zunehmend unter Druck setzen.

Herr Niederstein, macht eine mehr als 500 Jahre lange Unternehmensgeschichte ein Unternehmen automatisch krisenfester? Wer sich intensiv mit der Geschichte eines Familienunternehmens beschäftigt, erkennt schnell, dass sich viele Muster wiederholen. Krisen wirken im Moment oft einzigartig, aber im Rückblick zeigen sich erstaunliche Parallelen. Für uns bedeutet das: Wir können Entwicklungen besser einordnen und aus früheren Entscheidungen lernen. Geschichte ersetzt keine Strategie, aber sie schafft Orientierung, Erfahrung und eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Unsicherheit.

Was genau macht ein Unternehmen über Generationen hinweg resilient, während andere Firmen in Krisen verschwinden? Resilienz entsteht aus Erfahrung, aber auch aus Disziplin. Man muss wissen, wann man Risiken eingeht und wann man bewusst darauf verzichtet. Als Familienunternehmen haben wir uns immer wieder gegen bestimmte Investitionen oder Expansion entschieden. Das wirkt im Moment vielleicht konservativ, kann langfristig aber überlebenswichtig sein. Nicht jeder Trend muss sofort mitgemacht werden, und nicht jedes Wachstum ist automatisch gesund. Gerade in unsicheren Zeiten zahlt sich diese Haltung aus.

Ist Deutschland wirtschaftlich zu vorsichtig geworden? Deutschland hat sich an eine Art Vollkasko-Denken gewöhnt. Diese German Angst wird uns wirtschaftlich noch teuer zu stehen kommen. Wir diskutieren Probleme häufig so lange, bis nichts mehr passiert. In anderen Ländern wird schneller entschieden, auch wenn nicht jedes Detail vorher durchgerechnet ist. Ein bisschen mehr Mut würde dem Standort guttun.

Wenn ein Land hohe Energiepreise für normal hält, muss man als Unternehmer wenigstens versuchen, möglichst wenig davon zu verbrauchen.

Welche Faktoren entscheiden darüber, ob ein Unternehmen schwierige Zeiten übersteht oder scheitert? Viele Insolvenzen entstehen nicht zuerst durch externe Krisen wie Krieg, Inflation oder Energiepreise. Häufig spielen unternehmerische Fehlentscheidungen oder politische Rahmenbedingungen eine größere Rolle. Deshalb braucht es genug Wasser unter dem Kiel: Liquidität, Reserven und eine langfristige Strategie. Resilienz bedeutet auch, Durststrecken auszuhalten und nicht bei jedem Gegenwind sofort den Kurs zu ändern.

Ihre Branche gehört zu den energieintensiven Industrien. Wie reagieren Sie auf dauerhaft hohe Energiepreise? Wir versuchen seit jeher, möglichst effizient zu arbeiten. Nach dem Energiepreisschock infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine haben wir unseren Energieverbrauch um rund 25 Prozent reduziert und weitere Maßnahmen umgesetzt. Wenn ein Land hohe Energiepreise für normal hält, muss man als Unternehmer wenigstens versuchen, möglichst wenig davon zu verbrauchen. Gleichzeitig zeigt sich hier sehr deutlich, wie stark energiepolitische Entscheidungen den Industriestandort beeinflussen und wie wichtig Planungssicherheit für Investitionen ist.

Warum bleibt Stahlveredelung für die europäische Industrie strategisch wichtig? Stahl ist für mich der nachhaltigste Werkstoff der Bauindustrie, besonders wenn er klimafreundlicher produziert wird. Wird Stahl verzinkt, entsteht ein langlebiger Korrosionsschutz mit vergleichsweise geringem Wartungsaufwand. Gleichzeitig lässt sich das Verfahren perspektivisch von fossilen Energieträgern lösen, etwa durch Stromöfen, grünen Strom oder Wasserstoff. Wenn Europa Stahlproduktion verliert, wandert meist auch die Weiterverarbeitung ab.

Wenn Sie zehn Jahre nach vorne blicken: Welche Rolle soll The Coatinc Company dann in der europäischen Industrie spielen? Patriotisch würde ich sagen: weiterhin eine gewichtige Rolle mit einem starken Kern in Deutschland. Gleichzeitig müssen Familienunternehmen internationaler denken. Wir treiben diese Diversifizierung bewusst voran, um Risiken besser zu verteilen und unabhängiger von einzelnen Märkten zu werden. Verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen wären allerdings der wichtigste Faktor, damit industrielle Wertschöpfung langfristig im Land bleibt und mittelständische Industrie hier weiter Zukunft hat. Genau dieser Punkt fehlt mir eindeutig in der deutschen Politik. Es gibt keine Politiker mehr, die auch unbequeme Entscheidungen treffen, um damit die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft von Unternehmen und Mitarbeitenden zu stellen.

Verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen wären allerdings der wichtigste Faktor, damit industrielle Wertschöpfung langfristig im Land bleibt und mittelständische Industrie hier weiter Zukunft hat.

29. Sep 2026

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Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.