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20. Jun 2022

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Gesellschaft

„Die Lage ist dramatisch“

Journalist: Armin Fuhrer

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Foto: HDB/Bollhorst

Preissprünge und Materialengpässe: Die Baubranche ächzt unter den Folgen des Ukraine-Krieges. Im Interview mit Tim Oliver Müller vom Verband BAUINDUSTRIE.

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Tim Oliver Müller ist Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie

Herr Müller, wie sehen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Bauwirtschaft aus? 

Wir werden derzeit mit enormen Preissteigerungen konfrontiert, die es aber in geringerem Ausmaß auch schon in der letzten Zeit vor dem Ausbruch des Krieges gab. Das betrifft ölbasierte Produkte, Stahl und Aluminium ebenso wie endgefertigte wie Stahlmatten und Parkett. Das trifft die Bauindustrie stärker als andere Branchen, weil es am Bau ausschließlich einen reinen Preiswettbewerb gibt.

Können die Unternehmen die Preissteigerungen nicht weitergeben an die Kunden?

 

Nein, das ist nicht möglich. Bei Bauvorhaben werden in den Verträgen Festpreise festgehalten, und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem wir die Preisentwicklung noch gar nicht kennen. Das gilt für Verträge mit privaten Auftraggebern ebenso wie mit öffentlichen. Das Risiko von Preissteigerungen liegt zu fast 100 Prozent beim Bau. Das bricht uns ab einem gewissen Punkt das Genick.

Um welche Höhe geht es bei den Preissteigerungen aktuell?

Zwei Beispiele: Eine Tonne Stahl hat im Februar 700 bis 800 Euro gekostet. Jetzt ist sie etwa 1.000 Euro teurer – eine Steigerung von weit mehr als 100 Prozent binnen kürzester Zeit. Oder schauen Sie sich den Dieselpreis an, der uns sehr hart trifft. Denn wir sind eine dieselintensive Branche. Ein mittelständisches Unternehmen kann über 200 Autos verfügen und dazu kommen die Baumaschinen.

Die Preise sind das eine – aber wie sieht es überhaupt mit der Materialbeschaffung aus?

Das ist unser nächstes großes Problem, denn die Lieferketten sind derzeit gestört. Das erkennt man daran, dass uns unsere Lieferanten keine tagesaktuellen Preise geben, sondern stundenaktuelle. Inzwischen garantieren sie uns aber nicht einmal mehr die Lieferungen. Es ist ein sehr großes Problem, wenn ein Unternehmen, das sich zum Beispiel im Mai ein großes Kontingent Asphalt für ein Projekt sichert, das im September startet, kurz vorher ohne Material dasteht, weil die Lieferung kurzfristig abgesagt wurde. Es gibt also bei den Materiallieferungen keine Verlässlichkeit mehr.

Woran liegt das?

40 Prozent des eingekauften Stahls kommt aus drei Ländern: Russland, Belarus und Ukraine. Diese 40 Prozent fallen derzeit wegen des Krieges weg, aber einen solchen Wegfall kann kein Markt einfach so kompensieren. Parkett kommt sogar normalerweise für Großprojekte zu 70 Prozent aus der Ukraine. Das ist die Folge der Globalisierung, aber im Februar dieses Jahres hätte sich vermutlich kaum jemand vorstellen können, wie verquickt die weltweiten Lieferketten sind.  

Was ist die Folge eines möglichen Ölstopps aus Russland?

Ein großes Problem für die Bauwirtschaft, denn damit verbunden ist der Ausfall von Baustoffen, die wir nicht einfach so substituieren können. Ein Beispiel ist Bitumen, ein sehr wichtiger Rohstoff für die Bauwirtschaft, der aus Schweröl gewonnen wird. Russisches Öl ist besonders bitumenlastig und das Bitumen, das aus dem russischen Öl stammt, hat einen Marktanteil von etwa 35 Prozent. Wenn das russische Öl nicht mehr kommt, haben wir ein Problem, denn ohne Bitumen sind zum Beispiel der Neubau oder die Sanierung von Straßen und Brücken nicht möglich. Bitumen müsste daher unbedingt als strategischer Rohstoff anerkannt werden, so wie Erdöl und Gas.

Handelt die Politik denn?

Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie nichts tut. Sie hat Stoffpreisgleitklauseln vereinbart, aber solche Schritte reichen nicht aus. Denn diese staatliche Unterstützung können wir erst ab einer Steigerung der Gesamtkosten von zehn Prozent abrechnen, und auch dann nur hälftig. Das ist für die Baubranche mit ihren sehr geringen Margen viel zu wenig. 

Wie sehen Sie also die Lage der Bauwirtschaft?

Wir sind in einer Phase des Substanzverzehrs und es droht, dass wir bald Mitarbeiter entlassen müssen. Wenn der Staat nicht mehr Unterstützung bietet, geht die Bauwirtschaft in die Knie – mit dramatischen Folgen für den dringend erforderlichen Bau von Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, für die Sanierung von Straßen und Brücken und sonstiger Infrastruktur. Wenn die Politik nicht zu mehr Unterstützung bereit ist, kommen wir in eine Situation, in der wir sagen müssen, dass wir die Arbeit an Projekten beenden müssen, beziehungsweise gar nicht erst damit beginnen. Das ist ein Szenario, von dem wir nicht mehr weit entfernt sind. Die Lage ist dramatisch.

2. Jul 2026

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Gesellschaft

Deutschland in einer neuen sicherheitspolitischen Realität – Ein Beitrag von Dr. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer, BDSV

Liebe Leserinnen und Leser, „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“. Diesen Satz des Generalinspekteurs Carsten Breuer haben sich inzwischen auch Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius zu eigen gemacht. Er beschreibt eine neue sicherheitspolitische Realität, mit der wir uns auch im fünften Kriegsjahr der russischen Vollinvasion auf die Ukraine konfrontiert sehen und die Grundlage für unser sicherheitspolitisches Handeln sein muss. Der Zwischenzustand, der unserem Land damit attestiert wird, ist in dieser Form im Grundgesetz jedenfalls nicht vorgesehen. Unsere Verfassung unterscheidet zwischen Friedenszustand, dem Spannungsfall als Vorstufe des Verteidigungsfalls, die bereits die Anwendung bestimmter Notstandsrechtsvorschriften ermöglicht und dem eigentlichen Verteidigungsfall. Letzterer tritt nach Artikel 115a Grundgesetz dann ein, wenn das Staatsgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht. Nach Analysen der NATO besteht das Ziel, unsere Streitkräfte spätestens bis zum Jahr 2029 rundherum abschreckungs- und verteidigungsfähig auszustatten. Dieses Ziel muss darüber hinaus mit einer umfassenden Befähigung zur Gesamtverteidigung im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Resilienz einhergehen. Schon heute erleben wir ständige hybride Angriffe in der Form von Drohnenüberflügen, Cyber-Attacken oder Desinformationskampagnen, die bestimmten staatlichen Akteuren zugeordnet werden. >Nach Analysen der NATO besteht das Ziel, unsere Streitkräfte spätestens bis zum Jahr 2029 rundherum abschreckungs- und verteidigungsfähig auszustatten. Hieraus ergeben sich zweierlei Schlussfolgerungen: Erstens: Um unserem Beitrag in diesem Prozess – wie der NATO versprochen – zu erfüllen, wollen wir schon im Jahr 2029 ca. 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Verteidigung sowie perspektivisch weitere 1,5 % des BIP für militärisch-relevante Infrastrukturmaßnahmen ausgeben. Rechnet man diese Ausgaben zusammen, so machen diese im Jahr 2029 40 % unseres Bundeshaushaltes aus. Allein in den Verteidigungsbudgets der Jahre 2025 bis 2029 sind kumuliert ca. 200 Milliarden Euro nur für Rüstungsausgaben geplant. Kurz: Es geht also um gewaltige Summen, die unsere Volkswirtschaft als Ganzes fordern. Zweitens benötigen wir ein umfassendes Verständnis der Sicherheits- und Resilienz-Notwendigkeiten in unserer Gesellschaft. Die Gewährleistung von Sicherheit ist die zentrale Querschnittsaufgabe unserer Zeit, die jeden und jede von uns betrifft: im Bevölkerungsschutz, beim Schutz kritischer Infrastrukturen, über Bedrohungen zu Lande, zu Wasser, in der Luft sowie im Cyberraum. Jeder Sektor ist gefragt, hier einen Beitrag leisten. In der Politik schließlich müssen diese Anstrengungen koordiniert und verzahnt werden. Dokumente wie die Nationale Sicherheitsstrategie oder die unlängst vorgestellte Militärstrategie sind der notwendige Ausfluss dieser Anstrengungen. Im BDSV wird dieser umfassende Sicherheitsbegriff seit unserer Gründung im Jahr 2009 konsequent gelebt. In unserem Verband sind alle Ausrüster staatlicher Sicherheitsbehörden willkommen und vereint. Über die Plattform SVI-Connect, die wir gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik ins Leben gerufen haben, leisten wir seit Jahresbeginn zudem einen Beitrag zur Verzahnung klassischer Rüstungsunternehmen mit neuen, bislang überwiegend zivilen Zulieferern – zum Vorteil beider Seiten. Nicht zuletzt deshalb ist Deutschland auf gutem Weg, seine selbstgesteckten Ziele in der Zeitenwende zu erreichen. Die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie tut alles in ihrer Macht Stehende, um hier ihren Beitrag zu leisten.