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11. Sep 2024

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Gesellschaft

„Lebensmittelmüll ist ein Spiegel der Gesellschaft“ – mit Hannes Royer

Journalist: Nadine Wagner

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Foto: Navada Ra/pexels, Land schafft Leben

In Europa beträgt der Lebensmittelverlust entlang der gesamten Wertschöpfungskette etwa 20 Prozent, was pro Person und Jahr rund 173 Kilogramm entspricht. In Österreich entstehen jährlich über 1 Million Tonnen Lebensmittelabfälle. Obwohl drei Viertel der Österreicher Lebensmittelverschwendung als wichtiges Thema ansehen, landet nach wie vor viel im Müll. Hierzu ein Gespräch mit Hannes Royer, Gründer und Gesicht von Land schafft Leben.

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Hannes Royer, Gründer und Gesicht von Land schafft Leben

Herr Royer, was kann gegen Lebensmittelverschwendung getan werden?

Der größte Hebel liegt hier sicher im Bewusstsein jedes einzelnen von uns für Lebensmittel und deren Wertigkeit. Denn wenn etwas einen Wert hat, dann werfe ich es nicht leichtfertig weg. Der Trend ist hier aber nun jahrelang in die Gegenrichtung gegangen. Lebensmittel sollen vor allem eines sein: billig. Mit Wertschätzung hat das wenig zu tun.

Welche Rolle spielen Aufklärung und Bildung in der Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung?

Eine entscheidende Rolle: Junge Menschen müssen bereits in der Schule lernen, wie wertvoll Lebensmittel sind und wie man richtig damit umgeht. In Frankreich gehört bspw. Ernährungsbildung im Kindergarten zum Programm, in Italien führt gemeinsames Kochen zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln. Bildung und Aufklärung sind essenziell, um Verschwendung zu vermeiden. In Österreich gibt es bisher kein flächendeckendes eigenes Unterrichtsfach zur Ernährung, aber unser Verein Land schafft Leben stellt kostenloses Lehrmaterial bereit, das bereits über 190.000 mal heruntergeladen wurde.

Dass wir wieder ein größeres Bewusstsein für Lebensmittel entwickeln und uns damit beschäftigen, wie wir richtig mit ihnen umgehen, daran werden wir also auch mit modernen Technologien nicht vorbeikommen.

Wie können wir als Gesellschaft insgesamt tun, die Wertschätzung von Lebensmitteln steigern?

Wir müssen wieder einen Bezug zum Essen herstellen. Statt z. B. auf teure Fertigprodukte zurückzugreifen, sollten wir uns Zeit zum Kochen nehmen. Generell sollten wir uns beim Essen wieder mehr an der Qualität statt an der Quantität orientieren. Und uns wieder ein Stück von der ‚Geiz ist geil‘-Mentalität entfernen, die sich in unserer Gesellschaft durchgesetzt hat – übrigens nicht nur beim Essen. Wir werfen ja auch andere Dinge wie Kleidung oder Elektrogeräte viel zu leichtfertig weg. Hier muss ein Umdenken stattfinden.

Sehen Sie in technologischen Innovationen, wie z. B. Apps oder intelligente Kühlschränke, ein Potenzial, um Lebensmittelverschwendung zu verringern?

Apps & Co. haben auf jeden Fall Potenzial, nur werden diese nicht die breite Masse ansprechen. Und selbst wenn mir meine App ein bestimmtes Gericht aus meinen Resten vorschlägt, muss ich es dennoch selbst zubereiten. Apps können mir also helfen, den Einkauf zu planen und mein Kühlschrank kommuniziert vielleicht mit meiner Uhr, aber letztlich hängt es von Jedem selbst ab. Dass wir wieder ein größeres Bewusstsein für Lebensmittel entwickeln und uns damit beschäftigen, wie wir richtig mit ihnen umgehen, daran werden wir also auch mit modernen Technologien nicht vorbeikommen.

In welchem Maße sind auch die landwirtschaftlichen Betriebe von der Thematik der Lebensmittelverschwendung betroffen?

Konsumentinnen und Konsumenten erwarten perfektes Obst und Gemüse. Häufig dürfen Landwirte ihre Lebensmittel gar nicht erst ausliefern, wenn diese optische Mängel aufweisen. Noch genießbare Lebensmittel landen teilweise in der Biogasanlage – eine Verschwendung, wenn man bedenkt, dass wir global vrsl. bald 12 Milliarden Menschen ernähren müssen.

Supermarktketten gehen teilweise bereits gegen Lebensmittelverschwendung vor, indem sie Überschüsse an soziale Einrichtungen weitergeben. Der größte Hebel liegt jedoch in den Privathaushalten, wo die meiste Verschwendung entsteht.

Die UN-Nachhaltigkeitsagenda fordert in Ziel 12 verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster, einschließlich der Reduktion von Lebensmittelverschwendung. Österreich hat sich dazu verpflichtet. Welche Entwicklungen sind zu erwarten?

Erste Schritte wurden mit der Berichtspflicht zur nachhaltigen Transformation (CSRD) gemacht. Supermarktketten gehen teilweise bereits gegen Lebensmittelverschwendung vor, indem sie Überschüsse an soziale Einrichtungen weitergeben. Der größte Hebel liegt jedoch in den Privathaushalten, wo die meiste Verschwendung entsteht.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.