28. Apr 2026
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Gesundheit
Journalist: Julia Butz
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Foto: Getty Images/unsplash, Presse
Prof. Dr. h. c. Christel Bienstein, eine der profiliertesten Pflegewissenschaftlerinnen Deutschlands, im Interview.
Prof. Dr. h. c. Christel Bienstein, Pflegewissenschaftlerin
Frau Dr. Bienstein, wie steht es um den sogenannten Pflegenotstand in Deutschland? Wir haben zu wenig Pflegekräfte, vor allem in den Pflegeeinrichtungen. Hier kommt schätzungsweise eine Pflegefachperson auf über 50 Personen in der Nacht. Durch diesen Mangel ist auch die „Pflege auf Distanz“ längst zur Realität geworden: Wenn man nicht mehr in der Nähe der Eltern wohnt, aber trotzdem organisatorische oder emotionale Pflegeaufgaben übernimmt, durch tägliche Telefonate oder das Bestellen von Fahrdiensten zum Arzt. Besonders alarmierend ist eine Studie*1, die zeigt, dass rund 480.000 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 18 Jahren in Deutschland regelmäßig pflegebedürftige Angehörige betreuen. Diese jungen Menschen übernehmen teilweise erhebliche Verantwortung, z. B. wenn sie körperlich oder psychisch erkrankte Eltern versorgen. Die Folgen sind gravierend: schulische Leistungen leiden, Bildungs- und Berufschancen sinken. Über diese Belastungen wird kaum gesprochen, weder in den Familien noch innerhalb der Versorgungssysteme.
Warum ist es so schwer, Menschen zu finden, die im Pflegebereich arbeiten wollen? Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung gibt es durchaus ein hohes Interesse am Pflegeberuf, er ist sogar der stärkste Ausbildungsberuf in Deutschland. Seit der Pandemie ist die Zahl der Ausbildungsbeginne deutlich gestiegen, gerade unter jungen Männern, da Pflege zunehmend technische und digitale Kompetenzen erfordert. Der Beruf ist attraktiv, aber anspruchsvoll, was viele unterschätzen. Die teils hohen Durchfallquoten hängen vor allem mit sprachlichen und schulischen Defiziten zusammen. Pflegefachpersonen tragen große Verantwortung; ohne ausreichende Sprach‑ und Rechenkenntnisse ist eine sichere Patientenversorgung kaum möglich. Aber: Wir sind in der Pflege auch auf Menschen mit Migrationshintergrund angewiesen, vieles scheitert jedoch an Sprachbarrieren. Künftig hoffen wir, dass KI mit Echtzeit-Übersetzung unterstützt.
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung gibt es durchaus ein hohes Interesse am Pflegeberuf, er ist sogar der stärkste Ausbildungsberuf in Deutschland.
Wo unterstützt der technologische Fortschritt noch? An vielen Stellen sind neue Technologien eine große Hilfestellung: Mobile Assistenzroboter navigieren autonom durch Einrichtungen, erheben Vitaldaten der Patienten oder servieren Getränke. Exoskelettartige Stützsysteme, also robotische Hilfssysteme, die äußerlich am Körper der Pflegenden getragen werden, unterstützen Bewegungsmöglichkeiten; tragbare Sensoren können bei Bedarf Alarm schlagen. Diese Hilfsmittel entlasten das Pflegepersonal.
Die weitere gute Nachricht ist: Pflege und Allgemeinmedizin rücken zunehmend zusammen, um die Versorgungssicherheit der Bevölkerung abzusichern, genau das brauchen wir. Die generalistische Pflegeausbildung ist dafür ein wichtiger Schritt. Sie vereint erstmals die Ausbildung zur Pflege von Kindern und alten Menschen in einer Grundausbildung. Damit nähern wir uns endlich EU-Standards an. Nennen möchte ich in diesem Zusammenhang das Projekt BAPID (Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland*2). Es zeigt konkret, wie Pflegende umfängliche Aufgaben der Gesundheitsversorgung übernehmen können und damit u. a. mit den Aufgaben der Allgemeinmedizin enger verzahnt werden. Nur, wenn sich Pflege weiter professionalisiert und wissenschaftlich fundiert arbeitet, bleibt sie zukunftsfähig.
*1 Studie „Die Situation von Kindern und Jugendlichen als pflegende Angehörige, Leitung: Prof. Dr. Sabine Metzing, 2018 *2 www.deutscher-pflegerat.de/profession-staerken/studien/bildungsarchitektur-der-pflege-in-deutschland-bapid
Nur, wenn sich Pflege weiter professionalisiert und wissenschaftlich fundiert arbeitet, bleibt sie zukunftsfähig.
Die ehemalige Präsidentin des DBfK* Prof. Dr. h. c. Christel Bienstein setzt sich nachhaltig für bessere Ausbildungsstandards, berufspolitische Verbesserungen, die Akademisierung und Anerkennung der Pflegewissenschaft ein und hat die Pflegeberufe in Deutschland maßgeblich geprägt. *Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe