29. Jan 2026
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Gesundheit
Journalist: Juia Butz
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Foto: Susanne Wysocki
„Psychologische Aufklärung ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.“ Stefanie Stahl, eine der bekanntesten Psychologinnen Deutschlands, im Interview.
Mit ihrem Erfolgsbuch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ hat Stefanie Stahl das Thema Selbstreflexion vor zehn Jahren in die Mitte der Gesellschaft gebracht und Millionen Leser erreicht. Klar, empathisch und ohne Fachchinesisch zeigt sie, warum wir fühlen und handeln, wie wir es tun und wie echte Veränderung möglich wird.
Frau Stahl, warum ist emotionale Selbstreflexion so wichtig? Viele unserer Entscheidungen, Reaktionen und Beziehungsmuster entstehen aus alten inneren Prägungen, oft unbewusst. Wenn ich mich selbst besser verstehe, kann ich mich fragen: Reagiere ich gerade aus der Situation heraus oder aus einem alten inneren Muster? Diese Selbstreflexion schafft Wahlfreiheit. Ich bin meinen Gefühlen dann nicht mehr ausgeliefert, sondern kann lernen, konstruktiver mit ihnen umzugehen. Das ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Voraussetzungen für psychische Gesundheit.
Wahrscheinlich hat jeder Mensch negative Glaubenssätze, die er mit sich trägt, oder? Fast jeder Mensch trägt innere Überzeugungen in sich wie „Ich genüge nicht“ oder „Ich werde nicht wirklich geliebt“. Das ist nichts Krankhaftes, sondern Teil menschlicher Entwicklung und nicht jeder muss deshalb eine Psychotherapie machen. Für viele Menschen reichen schon Aufklärung, Selbstreflexion und einfache psychologische Übungen, um sich besser zu verstehen und stabiler zu werden. Aber Therapie ist sinnvoll, wenn der Leidensdruck groß ist oder man immer wieder in dieselben destruktiven Muster gerät. Mir ist es wichtig, psychische Themen zu entdramatisieren, ohne sie zu bagatellisieren. Ein zentrales Warnsignal ist beispielsweise, wenn wir dauerhaft gegen uns selbst leben: ständig über unsere Grenzen gehen, unsere Bedürfnisse ignorieren oder uns innerlich unter Druck setzen. Auch Reizbarkeit, Erschöpfung, Rückzug oder das Gefühl von innerer Leere sollten wir ernst nehmen.
Viele unserer Reaktionen entstehen aus alten inneren Prägungen.“
Welche Empfehlungen geben Sie in einer solchen Situation? Wichtig ist, diese Signale nicht sofort zu bewerten oder zu dramatisieren, sondern neugierig zu betrachten: Was brauche ich gerade? Was kommt zu kurz? Denn, wenn wir selbst innerlich aus der Balance geraten, bleibt das selten ohne Folgen für andere. Wir reagieren schärfer, ziehen uns zurück oder verletzen Menschen, die uns eigentlich nahestehen. Psychische Selbstfürsorge ist deshalb keine egoistische Angelegenheit, sondern auch eine Form von Verantwortung gegenüber unserem Umfeld.
Also gilt: Je früher wir hinschauen, desto leichter können wir gegensteuern? Ja, psychische Stabilität entsteht aber weniger durch große Maßnahmen, sondern durch kleine, regelmäßige Gewohnheiten. Dazu gehören, ein liebevoller Umgang mit sich selbst, realistische Erwartungen, gute soziale Kontakte und ausreichend Erholung. Auch das bewusste Wahrnehmen von Gefühlen, statt sie wegzudrücken, ist zentral. Ich empfehle außerdem, immer wieder aus dem „Autopiloten“ auszusteigen und sich zu fragen: Ist das, was ich gerade denke oder tue, wirklich hilfreich für mich und meine Umgebung?
Wie können wir als Gesellschaft besser vermitteln, dass mentale Gesundheit ebenso wichtig ist wie körperliche? Ich bin überzeugt, dass psychologisches Grundwissen so selbstverständlich sein muss wie körperliche Vorsorge. Ich glaube, wir unterschätzen massiv, welches Unrecht Menschen einander antun, wenn sie sich selbst nicht reflektieren. Ein großer Teil von Gewalt, Machtmissbrauch, Ausgrenzung und Grausamkeit in der Menschheitsgeschichte ist nicht aus Stärke entstanden, sondern aus innerer Unreife, aus Angst, Kränkung und ungeheilten inneren Konflikten. Menschen, die ihre eigenen Schatten nicht kennen, projizieren sie nach außen; auf andere Gruppen, andere Meinungen, andere Lebensentwürfe.
Psychologische Aufklärung bedeutet deshalb nicht nur individuelles Wohlbefinden, sondern ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer gelernt hat, die eigenen Gefühle einzuordnen, Verantwortung für das eigene Innenleben zu übernehmen und Kränkungen zu regulieren, ist weniger anfällig für Radikalisierung, Feindbilder und Machtfantasien. Mentale Gesundheit ist halt auch Gewaltprävention. Natürlich ist eine reflektierte Gesellschaft nicht konfliktfrei, aber sie ist deutlich weniger zerstörerisch. Und das halte ich für eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben überhaupt.
Mentale Gesundheit ist auch Gewaltprävention.
Stefanie Stahl liebt es, mit ihrem Hund im Wald zu wandern. Die Autorin liest selbst gern und greift bevorzugt zu psychologisch fein beobachteten Geschichten. Aktuelle Lektüre: “We Begin at the End” (Von hier bis zum Anfang) von Chris Whitaker – ein Mix aus Krimi und Familiengeschichte.