2. Apr 2026
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Wirtschaft
Journalist: Julia Butz
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Foto: Dan Meyer/unsplash
Vom Umweltthema zum Unternehmensrisiko. Warum ökologische Stabilität zur Voraussetzung wirtschaftlicher Resilienz wird.
Jedes Geschäftsmodell ist direkt oder indirekt in natürliche Systeme eingebettet. Böden, Wasser, stabile klimatische Bedingungen und biologische Prozesse bilden die oft unsichtbare Grundlage von Produktion, Logistik und Konsum. Wenn Böden austrocknen oder sich Niederschlagsmuster verschieben, verlieren Pflanzen ihre Lebensgrundlage – und mit ihnen verschwinden Insekten, Vögel und viele andere Arten. Die Bestäubung durch Insekten ist für einen erheblichen Teil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar. Ihr Rückgang kann messbare Auswirkungen auf Erträge haben. Ein Risiko, das nicht nur landwirtschaftliche Betriebe betrifft, sondern auch weiterverarbeitende Industrien, Handelsketten und letztlich die Endmärkte. Auch in der Textilindustrie kann der Verlust gesunder Böden die Baumwollqualität beeinträchtigen, mit Folgen entlang der gesamten Lieferkette bis hin zu globalen Markenunternehmen. In der Forstwirtschaft und Bauindustrie hängen Erträge und Materialqualität von der Artenvielfalt und der Gesundheit der Wälder ab; Monokulturen dagegen erhöhen die Anfälligkeit für Schädlinge. Auch die Energiewirtschaft ist auf stabile ökologische Systeme angewiesen: Wasserkraftwerke benötigen verlässliche Wasserläufe. Werden Wälder abgeholzt oder Böden abgetragen, spült Erosion Sedimente in die Stauseen und reduziert deren Kapazität. Umweltveränderungen können selbst hochindustrialisierte Standorte direkt betreffen. Wie die Halbleiterproduktion oder die Chemie- und Pharmaindustrie, die für die Anlagenreinigung und -kühlung oder Verdünnung von Chemikalien stark wasserabhängig sind.
Dass Unternehmen in vielerlei Hinsicht von sogenannten Ökosystemleistungen abhängen, wird bislang allerdings nur unzureichend in Kosten- und Risikomodelle einbezogen.
Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, wie sich lokale Schäden an natürlichen Systemen in einer stark vernetzten Wirtschaft weit über ihren Entstehungsort hinaus auswirken und somit auch die betriebswirtschaftliche Planbarkeit ins Wanken bringen. Dass Unternehmen in vielerlei Hinsicht von sogenannten Ökosystemleistungen abhängen, wird bislang allerdings nur unzureichend in Kosten- und Risikomodelle einbezogen. Zudem verläuft der Verlust gesunder Ökosysteme und biologischer Vielfalt meist schleichend, während klassische Entscheidungsprozesse eher auf kurzfristige Kennzahlen ausgerichtet sind. Viele ökologische Kipppunkte sind jedoch irreversibel oder nur mit erheblichem Aufwand wiederherzustellen. Für Unternehmen entsteht daraus ein strategisches Dilemma: Wer zu spät reagiert, sieht sich plötzlich mit nicht mehr kontrollierbaren Risiken konfrontiert. Die Konsequenz: Ökologische Stabilität wird zur Voraussetzung wirtschaftlicher Resilienz. Lange Zeit waren Umweltaspekte primär reputationsgetrieben, heute entwickeln sie sich zunehmend zu harten Steuerungsgrößen. Investoren, Aufsichtsbehörden und Kunden verlangen Transparenz über naturbezogene potenzielle Risiken und Schädigungen. Diese Entwicklung wird dazu führen, dass sowohl die Auswirkungen des Unternehmens auf die Biodiversität, als auch die Abhängigkeit von ihr in die Bewertung eines Geschäftsmodells einfließen – sei es über Kapitalkosten, Versicherungsprämien oder bei Investmententscheidungen. Unternehmen, die diese Zusammenhänge nicht berücksichtigen oder steuern, riskieren Fehlbewertungen und Kapitalverluste.
Lange Zeit waren Umweltaspekte primär reputationsgetrieben, heute entwickeln sie sich zunehmend zu harten Steuerungsgrößen.
Analysen des EY Nature Risk Barometer zeigen, dass ein sehr großer Anteil der untersuchten globalen Unternehmen in erheblichem Maße von Ökosystemleistungen abhängig ist, selbst wenn diese Abhängigkeit in der strategischen Planung oft noch nicht vollständig reflektiert wird.
Quelle: EY (Ernst & Young): Nature Risk Barometer 2024