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26. Mär 2026

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Wirtschaft

Recyceln allein reicht nicht – mit Matthias Harms, kommissarischer Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft

Journalist: Thomas Soltau

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Foto: Logan Weaver/unsplash, Presse

Die Kreislaufwirtschaft gilt als Schlüssel zur Rohstoffsicherheit. Doch ohne verlässliche Regeln und Investitionsanreize droht sie zu scheitern, warnt Matthias Harms, kommissarischer Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft.

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Matthias Harms, kommissarischer Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft

Herr Harms, die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie ist beschlossen. Woran entscheidet sich jetzt konkret, ob sie in der Praxis wirkt oder folgenlos bleibt? Die Strategie setzt wichtige Signale: weniger Primärrohstoffe, mehr Rezyklate, mehr Zirkularität. Gleichzeitig bleibt sie eine Rahmenstrategie mit langen Zeithorizonten. Wirksam wird sie erst, wenn sie in verlässliche Vorgaben übersetzt wird. Aus Sicht eines Wirtschafts- und Arbeitgeberverbands ist entscheidend, ob Investitionsentscheidungen ausgelöst werden. Dafür braucht es messbare Zwischenziele, rechtssichere und zügige Genehmigungen sowie einen konsistenten Vollzug.

Kreislaufwirtschaft wird oft als Umweltprojekt wahrgenommen. Warum ist sie aus Ihrer Sicht ein zentraler Standortfaktor für Deutschland? Kreislaufwirtschaft ist Standortpolitik. Deutschland ist eine stark industrialisierte Volkswirtschaft und auf Rohstoffsicherheit angewiesen. In Zeiten geopolitischer Risiken ist langfristiger, verlässlicher Zugang zu Rohstoffen von strategischer Bedeutung. Recyclingrohstoffe tragen dazu bei, Importabhängigkeiten zu verringern und Lieferketten zu stabilisieren. In volatilen Märkten wird die Fähigkeit, Materialien im Wirtschaftskreislauf zu halten, zu einem Wettbewerbsfaktor. Kreislaufwirtschaft ist weit mehr als ein umweltpolitisches Projekt, sondern eine industrie- und wirtschaftspolitische Notwendigkeit, die über Kosten, Versorgungssicherheit Innovationsfähigkeit und Arbeitsplätze entscheidet.

Unternehmen kritisieren, dass Rezyklate teuer und energieintensiv sind. Wo liegen die strukturellen Ursachen? Rezyklate konkurrieren mit Primärrohstoffen, deren ökologische Folgekosten nur unvollständig eingepreist sind. Hinzu kommen hohe Energiepreise, wachsende Regulierung und lange Genehmigungsverfahren. Schwankende Mengen und Qualitäten der Inputstoffe begrenzen Skaleneffekte und erhöhen wirtschaftliche Risiken.

Kreislaufwirtschaft ist weit mehr als ein umweltpolitisches Projekt, sondern eine industrie- und wirtschaftspolitische Notwendigkeit, die über Kosten, Versorgungssicherheit Innovationsfähigkeit und Arbeitsplätze entscheidet.

Neuplastik ist häufig günstiger als Recyclingmaterial. Was muss sich ändern, damit Rezyklate wirtschaftlich konkurrenzfähig werden? Erforderlich sind faire Marktbedingungen: langfristige Rezyklateinsatzquoten, einheitliche Qualitätsstandards und ein funktionierender EU-Binnenmarkt für Recyclingrohstoffe. Planbare Nachfrage ermöglicht Investitionen. Gleichzeitig müssen Primärmaterialien ihre Umwelt- und Klimakosten widerspiegeln; flankierend können zeitlich befristete Anreize den Markthochlauf unterstützen.

Welche Themen treiben Sie aktuell besonders um? Besonders kritisch ist die Lage im Kunststoffrecycling. In Europa sind zwischen 2023 und 2025 nach Branchenschätzungen rund eine Million Tonnen jährlicher Recyclingkapazität verloren gegangen. Fehlen Kapazitäten, laufen Quoten ins Leere.

Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken: Welche Entscheidungen sind ausschlaggebend? Entscheidend ist, ob Politik Kreislaufwirtschaft als wirtschafts- und industriepolitisches Kernprojekt versteht. Investitionen in Anlagen, Digitalisierung und Innovation sind kapitalintensiv und benötigen stabile Rahmenbedingungen. Dazu zählen Bürokratieabbau, wettbewerbsfähige Energiepreise und ein konsistenter europäischer Ordnungsrahmen. Gelingt das, bleibt Deutschland ein leistungsfähiger Industriestandort.

Investitionen in Anlagen, Digitalisierung und Innovation sind kapitalintensiv und benötigen stabile Rahmenbedingungen.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.