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30. Sep 2021

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Gesellschaft

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Journalist: Dr. Heinrich Bökamp

Das verheerende Hochwasser, das kürzlich halbe Orte wegriss und viele Menschenleben forderte, hat uns auf brutale Art und Weise gezeigt, dass wir dringend umdenken müssen. Denn vieles, was wir bisher als gegeben hinnehmen, was unser Leben ein wenig bequemer und komfortabler macht, schadet der Umwelt – und unter Umständen auch anderen Menschen. Daher sollten wir uns fragen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie sollen unsere Städte aussehen? Wie müssen wir diese planen und bauen, damit wir dort gut arbeiten, spielen, uns fortbewegen und begegnen können und dennoch vor den Folgen von Starkregen und großer Hitze geschützt sind?

Dr. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer; Foto: Samuel Becker

Die Antwort lautet: Alle städtebaulichen Aktivitäten sollten sich am Schutz des Klimas orientieren, denn der Baubereich ist hier ein ganz entscheidender Player. Dazu müssen wir uns jedoch von der Denkweise „immer mehr, immer bequemer“ verabschieden. 

So ist beispielsweise die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf in Deutschland in den letzten 20 Jahren um etwa 35 Prozent gestiegen. Das bedeutet nicht nur mehr Verbrauch an Rohstoffen, Ressourcen, und Energie, sondern auch mehr versiegelte Flächen. In Deutschland werden jährlich 160 Quadratkilometer Land versiegelt, das entspricht etwa 22.400 Fußballfeldern. Dieses Versiegeln ist ein Grundübel, denn es schadet sowohl der Natur als auch dem gesamten Wassermanagement. Versickert Regen nicht mehr im Boden und wird unserem Grundwasserstock zugeführt, können solche unkontrollierbaren Fluten entstehen. 

Ein großes Problem in Ahrweiler und anderen Orten war, dass die Wassermassen in kurzer Zeit dort ankamen und mit unglaublicher Wucht auf die Bebauung gestoßen sind. Hier ließe sich bereits kurzfristig mit einfachen Mitteln Abhilfe schaffen. So könnte man beispielsweise mit dem Einbau von Mulden in großen Parkplätzen einen Teil des Wassers aufhalten.

Würden Sportstätten und Parks nur einen halben Meter tiefer angelegt, könnten sie bei Starkregen auch als Auffangbecken für die erste große Wasserwelle dienen. Diesen Freiflächen sowie dem Stadtgrün insgesamt muss eine viel größere Relevanz eingeräumt werden. Jede Pflanze – und sei sie noch so klein – hilft mit, den Regen ein wenig aufzuhalten, ob auf Fassaden oder im Innenhof. Bei der Planung neuer Quartiere dürfen diese Punkte nicht mehr außen vorgelassen werden.

Man erkennt inzwischen auch, dass die Begradigungen kleiner und mittlerer Flüsse falsch waren, denn sie erhöhen massiv Geschwindigkeit und Druck des Wassers. Teilweise beginnt man jetzt wieder in die andere Richtung zu denken und die Flüsse in einen Zickzackverlauf zu bringen. 

Zudem muss man sich die bestehenden Hochwasser-karten genauer ansehen und sich fragen, ob in diesen gefährdeten Gebieten eine Bebauung überhaupt sinnvoll ist.

Ich könnte die Liste der Maßnahmen noch unendlich weiterführen. Doch wir brauchen jetzt keine großen Reden, sondern pragmatische Lösungen – und die gibt es bereits. Wir Ingenieurinnen und Ingenieure hätten hierzu einen ganzen Schatz an Möglichkeiten, er müsste nur gehoben werden. Doch das geht nur, wenn alle an einem Tisch sitzen und am selben Strang ziehen. Denn eine einzelne Hochwassermauer in einer einzelnen Gemeinde bringt uns nicht weiter. Und sicher ist: Weitere Hochwasser werden folgen. Daher müssen wir jetzt handeln, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

18. Mär 2026

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Gesellschaft

Hören macht klug

Kaum läuft der Lieblingssong, wird aus dem Kinderzimmer eine Bühne. Es wird gehüpft, getanzt, gerappt und mitgesungen. Musik bringt positive Energien ins Leben – und kann noch viel mehr: Musik stärkt das Arbeitsgedächtnis von Kindern, also die Fähigkeit, Informationen kurzzeitig zu speichern und zu verarbeiten. Damit Kinder neue Inhalte verstehen und anwenden können, braucht das Arbeitsgedächtnis eine ausreichend große Kapazität. Ist diese noch nicht altersgemäß entwickelt, kann das Lernen zur Herausforderung werden. Musik wirkt da im Kopf wie Fitness. Als gezieltes Gedächtnistraining, mit der die geistige Leistungsfähigkeit, schon im Vorschulalter, gefördert und somit das spätere Lernen erleichtert wird. Hörspiele ergänzen diese Reise in die Klangwelt: Kinder konzentrieren sich auf das gesprochene Wort und lernen Geschichten aus Stimmen, Geräuschen und Musik zu visualisieren. Statt auf Bilder zu schauen, erschaffen sie diese selbst im Kopf. Das fördert die Fantasie, Sprachentwicklung und Konzentration. Auch Singen macht Sprache lebendig. Mit Reimen, Wiederholungen und eingängigen Melodien entdecken Kinder neue Wörter und Satzmuster ganz intuitiv. Dabei wächst nicht nur ihr Sprachgefühl, sondern auch das Wir-Gefühl: Beim gemeinsamen Singen hören sie aufeinander, reagieren im Takt und erleben echtes Miteinander. Wenn die Musik dann in Bewegung übergeht, wird aus Rhythmus Körpergefühl. Tanzen stärkt Motorik, Koordination und Selbstvertrauen. >Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Was sich in den letzten Jahren deutlich verändert hat, ist die musikalische Sprache, in der all das passiert. Moderne Kinderlieder lösen sich zunehmend vom pädagogischen Zeigefinger und suchen die Nähe zur Popkultur. Statt bravem Gitarrenfolk vom Pädagogen in Latzhose mit Mitmachliedern übers Zähneputzen, erklingen Hip-Hop-Beats, Indiepop und Reggae-Grooves. Die Texte greifen Themen auf, die Kinder beschäftigen: Familienalltag, Freundschaft, kleine Wutanfälle oder erzählen vom Mut, das erste Mal auf dem Fahrrad zu fahren. Musik wird damit zum Sprachrohr für Gefühle. Sie bieten einen sicheren Raum, der Kinder ihre Emotionen erkennen, ausdrücken und verstehen lernen lässt. Und ja – wenn das Lieblingslied zum hundertsten Mal läuft, nervt es vielleicht ein bisschen weniger, wenn der Text nicht von Reimen auf Hände waschen handelt, sondern davon, dass Eltern auch nur Menschen sind. Was einen Song besonders „kindertauglich“ macht, ist trotzdem eine Wissenschaft. Laut einem Bericht der New York Post¹ haben Forschende aus Sheffield herausgefunden, dass dazu ein Tempo zwischen etwa 60 und 120 BPM gehört, also ein Rhythmus, bei dem es sich gut mitwippen lässt; eingängige Wiederholungen sowie eine klare, positive Klangstruktur. Kommt Ihnen bekannt vor? Das sind genau die Zutaten, die es für einen guten Ohrwurm braucht. ¹ New York Post: „‘Radio Ga Ga’ is scientifically proven to be a perfect kids song“, 6. August 2024.