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27. Nov 2025

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Gesellschaft

Tierwohl als politische Aufgabe

Journalist: Silja Ahlemeyer

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Foto: Jack Sparrow/pexels

Warum Tierschutz hierzulande nicht nur moralische Pflicht, sondern gesetzlich verankert ist – und was das für Tiere, Landwirtschaft und Verbraucher bedeutet.

Der Tierschutz in Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten einen Wandel vollzogen: von einer eher fachlich begrenzten Thematik hin zu einem Staatsziel mit Verfassungsrang. Seit der Aufnahme in Artikel 20a des Grundgesetzes im Jahr 2002 sind Politik, Verwaltung und Gerichte verpflichtet, den Schutz der Tiere als zentrales Gemeinwohlziel zu berücksichtigen. Damit gilt: Wenn über neue Gesetze beraten oder höchstrichterliche Urteile gefällt werden, steht der Tierschutz gleichberechtigt neben anderen Verfassungsgütern wie Umweltschutz oder wirtschaftlicher Freiheit.

Föderale Zuständigkeiten Die Rollen im deutschen föderalen System sind klar verteilt: Der Bund setzt mit dem Tierschutzgesetz sowie ergänzenden Verordnungen die rechtlichen Rahmenbedingungen. Die Länder sind für den Vollzug zuständig – hier kommen die Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämter in Landkreisen und Städten ins Spiel. Um bundesweit vergleichbare Standards zu gewährleisten, haben die Länder Vollzugshandbücher entwickelt. Zudem werden die Kontrollen nach einem mehrjährigen nationalen Kontrollplan koordiniert und risikobasiert durchgeführt. Allerdings können die Länder regionale Schwerpunkte setzen, was zu Unterschieden in der Umsetzung führt.

Einfluss aus Brüssel Besonders die Nutztierhaltung ist stark vom europäischen Recht geprägt. Mindeststandards für Schweine, Masthühner oder den Transport und die Schlachtung gelten EU-weit. Deutschland setzt diese Vorgaben in nationales Recht um und geht in vielen Fällen noch darüber hinaus. Ein Beispiel ist die Gruppenhaltung tragender Sauen, die hierzulande strengeren Regeln unterliegt als in vielen anderen Mitgliedstaaten. Die Reformen bei Kastenständen ab 2020/21 haben diese Linie bekräftigt. Einen internationalen Meilenstein setzte Deutschland 2022 mit dem Verbot des Kükentötens in der Legehennenhaltung.

Mehr Transparenz für Verbraucher Parallel wächst die Bedeutung von Markttransparenz. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher möchten wissen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten wurden. Darauf reagierte die Politik mit dem Tierhaltungskennzeichnungsgesetz. Seit 2023 wird schrittweise eine verpflichtende staatliche Kennzeichnung eingeführt, zunächst für frisches Schweinefleisch. Fünf Stufen von „Stall“ bis „Bio“ sollen Klarheit schaffen und eine bewusste Kaufentscheidung ermöglichen. Langfristig könnte die Kennzeichnung auf weitere Tierarten ausgeweitet werden. Das Ziel: mehr Transparenz im Supermarktregal und ein Anreiz für Landwirte, höhere Standards umzusetzen.

Sanktionen bei Verstößen Wer Tiere quält, begeht eine Straftat (§ 17 Tierschutzgesetz) und muss mit empfindlichen Konsequenzen rechnen. Je nach Schwere des Verstoßes drohen Geldstrafen oder – in schweren Fällen – Freiheitsentzug. In der Praxis werden jedoch meist Bußgelder oder Geldstrafen verhängt. Das signalisiert: Tierschutz ist kein weiches Nice-to-have, sondern Teil des Strafrechts. Verstöße werden konsequent verfolgt und sanktioniert. Seit 2023 stärkt eine Bundestierschutzbeauftragte die institutionelle Verankerung des Themas. Sie bündelt Impulse aus Gesellschaft und Wissenschaft und trägt sie in die politische Debatte.

Herausforderungen für die Landwirtschaft Für Landwirte bedeutet der gestiegene Tierschutzstandard kontinuierliche Anpassungen: Ställe müssen umgebaut, Flächen erweitert und Beschäftigungsmöglichkeiten für Tiere geschaffen werden. Das verursacht hohe Kosten, eröffnet aber auch wirtschaftliche Chancen. Denn wer hohe Tierwohlstandards erfüllt, kann diese künftig klar kennzeichnen und sich im Wettbewerb profilieren. Transparenz wird so zum wirtschaftlichen Faktor, der sich langfristig auszahlen kann.

Zukunftsperspektiven Auch in Zukunft wird der Tierschutz eine zentrale Rolle spielen. Themen wie die Reduzierung von Antibiotika in der Tiermast oder die Entwicklung neuer Haltungssysteme werden die politische und gesellschaftliche Debatte prägen. Auf EU-Ebene wird derzeit eine weitere Vereinheitlichung der Tierwohlkennzeichnung diskutiert – eine Lösung steht jedoch noch aus. Digitale Kontrollsysteme, etwa durch Sensoren in Ställen oder lückenlose Transportdokumentationen, könnten den Vollzug effizienter gestalten und die Transparenz erhöhen. Gleichzeitig wächst der Druck durch Verbraucher und Verbraucherinnen, die zunehmend Wert auf Herkunft, Tierwohl und Nachhaltigkeit legen. Für Politik, Landwirtschaft und Handel heißt das: Der Prozess bleibt dynamisch – und das erreichte Schutzniveau muss kontinuierlich weiterentwickelt werden.

FACTBOX

Bereits 1933 trat in Deutschland ein erstes Reichstierschutzgesetz in Kraft, wenngleich es aus heutiger Sicht noch stark lückenhaft war. Spätestens seit den 1970er- und 1980er-Jahren gewann der Tierschutz an Dynamik. Dass er 2002 in das Grundgesetz aufgenommen wurde, markierte eine historische Zäsur: Erstmals stand das Tierwohl nicht nur auf gesetzlicher Ebene, sondern im Rang eines Staatsziels.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.