Diesen Artikel teilen:

16. Okt 2025

|

Gesundheit

KI rückt die Medizin näher an die Patienten – mit Prof. Dr. Ariel Dora Stern, Alexander von Humboldt Professorin für Digital Health, Economics and Policy am Hasso-Plattner-Institut (HPI)

Journalist: Julia Butz

|

Foto: Felix Korfmann, Yamu Jay/pixabay

KI-Expertin Prof. Dr. Ariel Dora Stern über die Notwendigkeit digitaler Weiterbildung, Klinik-Hürden und wie KI die Versorgung menschlicher macht.

Headshot_Stern_Square Online.jpeg Prof. Dr. Ariel Dora Stern, Alexander von Humboldt Professorin für Digital Health, Economics and Policy am Hasso-Plattner-Institut (HPI), an der gemeinsamen Digital Engineering Fakultät des HPI und der Universität Potsdam.

Frau Prof. Dr. Stern, wie kann KI das deutsche Gesundheitswesen entlasten und wo sehen Sie Anwendungsbereiche? KI, Telemedizin und digitale Anwendungen eröffnen über die Automatisierung administrativer Aufgaben hinaus einen für mich noch viel wichtigeren Ansatzpunkt: neue Wege für eine Patienten-zentriertere Versorgung. Immer mehr Diagnosen und Behandlungen, die bisher zwingend im Krankenhaus oder in der Praxis stattfinden mussten, können dank digitaler Technologien auch zu Hause erfolgen. Dass vieles noch stationär geschieht, liegt oft nur daran, dass es schon immer so gemacht wurde – nicht, weil es medizinisch unbedingt notwendig ist. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist das Telemonitoring für Herzinsuffizienz-Patienten. Hier kommen implantierte Geräte zum Einsatz, die digital und per Bluetooth steuerbar sind. Sie messen kontinuierlich den Druck im Herzen und schlagen Alarm, wenn sich kritische Veränderungen abzeichnen. Diese Technik hat viele Leben gerettet. Aber wir sind inzwischen einen großen Schritt weiter und können denselben Effekt auch nicht-invasiv erzielen, allein durch KI-gestützte Sprachanalysen am Smartphone. Die Algorithmen erkennen feinste Veränderungen in der Stimmlage des Patienten, können den Gesundheitszustand beurteilen und vorhersagen, wer intensiver behandelt werden oder ins Krankenhaus kommen sollte, und das ohne etwas zu implantieren, nur über das eigene Smartphone.

Darin zeigen sich zwei Trends: Erstens, Telemonitoring und Hospital@Home ersetzt zunehmend Versorgung in der Praxis oder Klinik durch die digitale Betreuung zu Hause. Denn was in der Versorgung häufig nur Beobachtung und Messung über mehrere Tage bedeutet, lässt sich heute auch per Video und KI-Algorithmen abbilden – und das sogar präziser. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist das eine enorme Entlastung, da sie nicht mehr regelmäßig den Weg in die Praxis auf sich nehmen müssen und die notwendige medizinische Begleitung in ihrem vertrauten Umfeld erhalten. Zweitens: wir brauchen oft dazu kein zusätzliches medizinisches Gerät, das eigene Smartphone reicht.

Wo liegen die Hürden in der Implementierung von KI Tools? Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Herausforderungen. Zunächst gelten KI-Anwendungen in Diagnostik oder Therapie oft als Medizinprodukte und benötigen eine Zulassung. Davon hängt alles Weitere ab: Ob Investoren Mittel bereitstellen, Prototypen entstehen und ein Produkt überhaupt eine Chance bekommt. Solange eine Zulassung unklar ist, geht die Investitionsbereitschaft gegen Null, selbst wenn die Nachfrage groß und die Lösung medizinisch sinnvoll ist. Natürlich sichern Regulierungen die Qualität jedes Medizinproduktes, sie machen die Einführung neuer KI-Tools aber komplexer und vielleicht auch langsamer, im Vergleich zu anderen Branchen.

Die nächste Herausforderung zeigt sich nach der Zulassung. Denn diese bedeutet längst nicht, dass ein Tool automatisch in den Kliniken eingesetzt wird. Entscheidend ist die Erstattung durch die Krankenkassen. Viele digitale Anwendungen werden den Kliniken oder Praxen als SaaS-Abomodell angeboten und verursachen Kosten, die ggf. nicht oder nicht im gleichen Umfang gegenüber den Kassen geltend gemacht werden können. Neben der Frage „Wer bezahlt das und warum?“ zählt ebenso, ob und wie gut sich ein digitales Tool in die bestehenden klinischen Workflows einfügt. Ein Krankenhaus ist ein hochgradig eingespieltes System, jede Veränderung bedeutet Aufwand und Umstellung – technisch wie kulturell. Es ist also nicht nur eine Frage der Technik, auch die Bereitschaft der Healthcare Professionals, ihre vertrauten Routinen zu verlassen – und im Idealfall verbessern, ist entscheidend. Erst wenn diese Hürden wirklich klar beantwortet sind, haben KI-Tools eine reale Chance, breit in der Versorgung anzukommen.

„Wir brauchen dringend mehr Fort- und Weiterbildungsangebote für Healthcare Professionals.“

Welche Rolle spielt dabei die digitale Weiterbildung der Healthcare Professionals? Ein Großteil unseres medizinischen Personals hat seine gesamte Ausbildung abgeschlossen, bevor es überhaupt Smartphones gab. Es wäre daher naiv zu glauben, dass sie nun ganz selbstverständlich KI-Tools einsetzen. Deshalb brauchen wir dringend mehr Fort- und Weiterbildungsangebote. Nicht nur, um den Anschluss an den Stand der Zeit zu halten, sondern auch, um den Nutzen digitaler Medizinprodukte für die eigene Praxis bewerten zu können. Denn nur wer versteht, was ein KI-Tool tatsächlich leistet und wo seine Grenzen liegen, kann entscheiden: Passt das in meinen Praxisalltag, ist es für meine Patienten sinnvoll? Digitale und KI-Optionen zu kennen und nutzen zu können, halte ich für ein verantwortungsvolles ärztliches Handeln für unverzichtbar. Deshalb müssen wir alle mitnehmen, auch die Altersgruppen an Healthcare Professionals, die bislang kaum digitale Berührungspunkte hatten. Als wissenschaftliche Beirätin der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin setzen wir uns genau dafür ein, ebenso wie viele andere Fachgesellschaften. Aber bislang fehlt eine Standardisierung oder gar Verpflichtung zur Weiterbildung.

Ihre Prognose für die Zukunft? Ich glaube fest daran, dass die modernen Technologien unser Gesundheitswesen maßgeblich optimieren. Doch Digitalisierung ist kein Selbstzweck: KI und digitale Anwendungen entfalten ihren Wert nur dann, wenn sie die Patientenversorgung tatsächlich verbessern. Genau das erlebe ich – eine Medizin, die präziser und zugleich komfortabler wird. Bessere Diagnosen und die Möglichkeit zur Betreuung von zu Hause: Das ist keine Entweder-oder-Frage, sondern beides zusammen – ermöglicht durch den klugen Einsatz von KI‑gestützten Lösungen.

„Mit KI ermöglichen wir eine Medizin, die qualitativ hochwertiger und zugleich komfortabler für Patienten ist.“

Factbox

Digitalisierung und KI sind eng miteinander verbunden: Die Digitalisierung schafft die notwendige Infrastruktur und Datenbasis. KI nutzt diese Daten zur Analyse, um Diagnosen präziser zu gestalten, Therapien individueller und bequemer zu machen und administrative Prozesse effizient zu automatisieren.

25. Jun 2026

|

Gesundheit

Mit Datennutzung und Innovationen zur Smarten Gesundheitsversorgung –Ein Beitrag von Dr. Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied BVMed – Bundesverband Medizintechnologie

Denn moderne Medizintechnik liefert genau das, was eine smarte Gesundheitsversorgung braucht: Kontinuierlich verfügbare Daten, intelligente Vernetzung und KI-gestützte Lösungen, die neue Versorgungswege ermöglichen. Unser Problem in Deutschland ist: sektorale Strukturen, tradierte Vergütungssysteme und uneinheitliche Vorgaben bremsen die digitale Transformation bislang aus. Was muss getan werden? Wir müssen Daten besser verfügbar machen. Wir müssen internationale Standards für Datenformate und -sicherheit verwenden. Wir müssen digitale Versorgung besser etablieren. Wir müssen digitale Versorgungspfade umsetzen. Die Nutzung von Daten ist das Kernelement, das digitale Versorgung in allen Sektoren und Situationen kennzeichnet. Dabei kann die Nutzung der Daten sehr verschieden gestaltet sein. Beispiele sind: - die Steuerung von Patientenpfaden anhand von aktuellen Daten und Informationen aus der Patientenhistorie, - das permanente Monitoring des Gesundheitszustandes anhand von kontinuierlich erhobenen Daten aus Sensoren oder anderen Messgeräten, - das situationsbezogene Management anhand von Alarmen bzw. Meldungen, - die Nutzung von Daten für die Weiterentwicklung von Produkten und Services sowie für Training, Validierung und Einsatz von KI, - die Nutzung von Daten für Digital Twin-Ansätze oder - die Nutzung von Daten für Training, Schulung, Weiterbildung. Wichtig ist, dass die erforderlichen Daten in der Versorgung zur richtigen Zeit und am richtigen Ort verfügbar sind, ein nutzbares Format haben oder über eine Schnittstelle genutzt werden können und die Rahmenbedingungen für die Datennutzung klar sind. **Aus Sicht der MedTech-Branche fordern wir:** - In einem neuen Primärversorgungssystem sollte die digitale Ersteinschätzung so entwickelt werden, dass künftig auch Echtzeitdaten für eine valide Ersteinschätzung genutzt werden können. - Für „Digital Twin-Technologien“ sollten pseudonymisierte Behandlungsdaten nutzbar gemacht werden. Denn Simulationen anhand von vorhandenem Bildmaterial können invasive Diagnostik verhindern oder Therapieschritte vorbereiten. - Das Einwilligungsmanagement zur Datennutzung im Behandlungsablauf sollte bundesweit vereinheitlicht werden und auf einer einheitlichen Interpretation der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) basieren. - Für die Verbesserung von Produkten und Services braucht die Industrie Zugang zu Gesundheitsdaten und teilt selbst auch ihre Daten. Dabei sind allerdings IP-Rechte zu beachten, gerade bei Medizinprodukten. - Unser Appell: Smarte Gesundheitsversorgung entsteht nicht durch einzelne Innovationen, sondern durch das Zusammenspiel von Daten, Vernetzung und KI. Die Zukunft der Versorgung ist möglich – jetzt muss das System folgen. ## Zum Autor: Dr. Marc-Pierre Möll ist seit April 2019 Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie e. V. in Berlin sowie Geschäftsführer der BVMed-Akademie. Er ist zudem Mitglied des BVMed-Vorstands.