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14. Mai 2019

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Wirtschaft

Umdenken für die Zukunft der Landwirtschaft

Journalist: Jörg Wernien

Eine Bürgerbewegung aus Bayern hat mit mehr als einer Million Unterschriften ein Volksbegehren erzielt. Das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger.

Laut einem neuen Report der UN sind bis zu einer Million Tiere und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Viele werden in den kommenden Jahrzehnten verschwinden, so der Bericht der UN, welcher der Nachrichtenagentur AFP exklusiv vorlag. Die Mahnung der Experten auf der Weltkonferenz zur Artenvielfalt in Paris war deutlich. Einer der immer wieder genannten Faktoren ist die industrielle Landwirtschaft. Hier fordern die Wissenschaftler schon lange ein Umdenken.

„Wir Bauernfamilien leben und arbeiten seit Generationen mit der Natur. Nachhaltigkeit ist daher schon immer ein wichtiges Thema auf unseren Betrieben. Wir haben unsere Arbeitsprozesse immer wieder angepasst und verändert. Als Deutscher Bauernverband haben wir etwa eine Klimastrategie erstellt, in der wir uns selbst Emissionsziele setzen. Und in unserer eigenen Ackerbaustrategie haben wir uns vorgenommen, Dünger und Pflanzenschutzmittel weiter zu reduzieren. Wir wissen zu gut, dass wir selbst Teil der Lösung sein müssen, um den gesellschaftlichen Erwartungen nach mehr Klima- und Artenschutz entgegen zu kommen,“ sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV, Joachim Rukwied).

Ohne Artenvielfalt wird es aber auch für die Landwirte schwer. Deswegen hat der Deutsche Bauernverband ein Umdenken initiiert. „Keine Branche ist so sehr auf Bestäuber angewiesen, wie die Landwirtschaft. Bereits jetzt leisten die Bauern viel, um die Artenvielfalt zu fördern. Sie legen beispielweise Blühstreifen und -flächen an, die nicht nur den Bienen Nahrung bieten. Durch das Angebot von Blühpatenschaften kann sich auch die städtische Bevölkerung daran beteiligen. Oder die Landwirte legen Lerchenfenster an, damit die Bodenbrüter einen sicheren Ort für ihr Gelege finden. Insgesamt werden von Bauern bereits etwa 1,4 Millionen Hektar ökologische Vorrangflächen angelegt. Das ist eine Fläche fast so groß wie Schleswig-Holstein“, erläutert Joachim Rukwied.

Noch ist allerdings nicht absehbar, ob diese Maßnahmen auf Dauer auch ausreichen. Die Macht der Verbraucher, mehr nachhaltige Produkte zu konsumieren, ist erst am Anfang. Auch die Supermärkte setzen die Trends wie Tierwohl, der Verzicht auf Plastik und mehr regionale Produkte nur langsam um. Und dann sind da noch die Europawahlen. Das neue Parlament wird eine neue grüne Architektur bei den Subventionen errichten. „Die gemeinsame europäische Agrarpolitik fördert bereits jetzt viele Agrarumweltmaßnahmen. Die Direktzahlungen für die Betriebe sind an hunderte Bedingungen geknüpft. Man darf nicht übersehen, dass die deutschen Bauern schon heute durch jährliche Zusatzkosten von etwa fünf Milliarden Euro für höhere Standards public goods for public money liefern. Bei der neuen grünen Architektur der GAP, die gerade in Brüssel diskutiert wird, wird zukünftig zweifellos der Fokus noch stärker auf Umwelt- und Klimastandards gelegt,“ erklärt Joachim Rukwied vom Bauernverband.

Der Bericht der Weltkonferenz für Artenvielfalt wird entscheidend sein. Denn ein massenhaftes Aussterben von tausenden von Arten bedroht auch ganz schnell die Menschheit.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.