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11. Sep 2024

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Gesellschaft

Verbraucher wollen mehr Tierwohl

Journalist: Armin Fuhrer

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Foto: Luca Basili/unsplash

Österreich geht beim Verbot von Vollspaltenböden in Schweineställen voran, hat aber in anderen Bereichen der Landwirtschaft noch viel Luft nach oben.

Umfragen belegen immer wieder: In Österreich ist eine große Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher für eine möglichst weitreichende Beachtung des Tierwohls bei Nutztieren in der Landwirtschaft. Diese Sensibilisierung hat allerdings wirtschaftliche Auswirkungen, denn mehr Tierschutz bedeutet auch höhere Kosten für die Produzenten und damit steigende Preise für die Verbraucher. Denn die Produzenten müssen Investitionen für bessere Haltungsbedingungen, höhere Futterqualität und die medizinische Versorgung der Tiere tätigen. So treibt beispielsweise die Freilandhaltung von Legehennen die Kosten für das Frühstücksei gegenüber der Käfighaltung in die Höhe. Umfragen ergeben, dass viele Verbraucher gewillt sind, für mehr Tierwohl mehr Geld auszugeben.

Den höheren Kosten für die Produzenten stehen zudem auch wirtschaftliche Vorteile für die Betriebe gegenüber. Denn ein höherer Standard im Tierschutz hat zur Folge, dass die Tiere seltener krank werden, schneller und besser wachsen und höhere Reproduktionsraten aufweisen, sodass ihre Haltung effizienter wird. Nicht zuletzt erhöhen Tierwohlsiegel die Verkaufschancen im Supermarkt und sorgen für ein besseres Image des Unternehmens bei den Verbrauchern.

Denn ein höherer Standard im Tierschutz hat zur Folge, dass die Tiere seltener krank werden, schneller und besser wachsen und höhere Reproduktionsraten aufweisen, sodass ihre Haltung effizienter wird.

Immerhin tut sich was. Beispiel Rinder: Zu einer artgerechten Haltung zählt die Möglichkeit, dass die Tiere sich während des Sommers frei auf Weideflächen bewegen können, im Winter mit Gras, Heu und Silage gefüttert werden und stets Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Transport und Schlachtung müssen unter bestimmten, gesetzlich festgelegten Vorschriften erfolgen. Bei Schweinen hat die Bundesregierung die heftig umstrittenen Vollspaltenböden inzwischen verboten – allerdings mit einer Übergangsfrist bei bestehenden Anlagen bis 2039. Die Mastschweine werden bei dieser Methode auf Betonböden gehalten, in denen schmale Schlitze so angeordnet sind, dass Urin und Kot in eine direkt darunter liegende Güllegrube hindurchfallen. Das ist zwar für den Betrieb effizient, führt aber bei den Schweinen zu großen gesundheitlichen Problemen.

Zu einer artgerechten Haltung zählt die Möglichkeit, dass die Tiere sich während des Sommers frei auf Weideflächen bewegen können, im Winter mit Gras, Heu und Silage gefüttert werden und stets Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Heftig umstritten ist seit vielen Jahren auch das Töten männlicher Küken in der Eierproduktion durch Schreddern bei lebendigem Leib oder durch Gas. Seit Anfang 2023 ist diese Methode gemäß §6 des österreichischen Tierschutzgesetzes verboten, und es wurden, auch mit Unterstützung des Landwirtschaftsministeriums, alternative Methoden entwickelt. Dazu gehört die “in-ovo-Geschlechtsbestimmung”, mit der das Geschlecht des Kükens bereits im Ei festgestellt werden kann. Männliche Küken werden erst gar nicht ausgebrütet. Eine andere Methode zur Verhinderung des nutzlosen Kükentötens ist die Aufzucht der sogenannten Bruderhähne bis zur Schlachtreife. Das ist zwar für die Betriebe nicht so rentabel, wird aber als ethischer angesehen. Einige österreichische Einzelhandelsketten kaufen inzwischen bewusst Eier von Betrieben, die diese Praxis anwenden, um sie unterstützen.

Die neue Regelung bedeutet aber nicht, dass keine männlichen Küken mehr getötet werden, denn wenn die Jungtiere als Tierfutter verwendet werden, ist diese brutale Art der Tötung in Österreich nach wie vor erlaubt. Und dieses Schicksal traf schon vor dem Verbot die große Mehrheit der männlichen Küken. Tierschützer fordern daher unbedingt auch, wie zum Beispiel in Deutschland, diese Tötungen zu verbieten.

Fakten:

Unstrukturierte Vollspaltenbuchten sind seit 2023 in der Schweinezucht bei Neu- und Umbauten in österreichischen Landwirtschaftsbetrieben gesetzlich verboten. Den Schweinen müssen strukturierte Buchten mit Liege-, Aktivitäts- und Kotbereichen zur Verfügung stehen. Bestehende Betriebe haben allerdings bis 2039 Zeit für den Umbau.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.