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27. Nov 2025

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Wirtschaft

Was ist dran an der „Neuen Gentechnik“?

Journalist: Hauke Brost

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Foto: Ahmadullah Fns/unsplash

Pflanzen von morgen sind gegen den Klimawandel gewappnet und brauchen kaum noch Chemie. Aber mit der herkömmlichen Gentechnik hat das wenig zu tun.

Getreide, das selbst in schlimmsten Hitzewellen nicht verdorrt. Jedes Jahr satte Ernten von gesundem Obst und Gemüse fast ohne Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln. Grüne, gesunde Wälder ohne diese vielen toten Bäume mit ihren weißen, blattlosen Ästen: Was wie ein schöner Wunschtraum von Landwirten und Förstern klingt, ist machbar. Ein Segen für alle – sagen die einen. Gefährliches Teufelszeug aus der Gentechnik-Küche, sagen die anderen. Das Stichwort heißt „Neue genomische Technik“ (NGT). Was daran ist neu?

Wer sich zu diesem spannenden Thema ein Urteil bilden will, muss einen wichtigen Unterschied kennen, nämlich den zwischen der „alten“ (klassischen) und der „neuen“ Gentechnik. Bei der klassischen wird fremdes genetisches Material in eine Pflanzenzelle eingebracht. Wo genau, bleibt dem Zufall überlassen. Bei der neuen Gentechnik gehen die Wissenschaftler anders vor. Sie schneiden das Erbgut (den sog. DNA-Doppelstrang) an einer bestimmten, exakt vorgegebenen Stelle und können so ein einzelnes Gen abschalten, ohne neue Gene ins Erbgut einzufügen.

Solche Gen-Veränderungen gibt es auch in der Natur. Nämlich dann, wenn sich Pflanzen mit einer bestimmten Gen-Konstellation gegen andere, anfälligere durchsetzen. Das kann allerdings, wenn es überhaupt geschieht, viele Jahrzehnte dauern. NGT ist also eine zielgerichtete, punktuelle Mutation, die auch auf natürlichem Weg hätte entstehen können.

Befürworter von NGT sehen diese Vorteile: Die Landwirtschaft braucht viel weniger Pestizide und verbraucht weniger Wasser. Die Ernte ist weniger anfällig gegen Schädlinge und länger haltbar. Außerdem übersteht sie längere, durch den Klimawandel ausgelöste Hitzeperioden viel besser. Kritiker bemängeln, dass NGT noch nicht ausreichend erforscht sei. Außerdem könnten vor allem sehr große Agrarunternehmen davon profitieren, da sich Kleinbauern NGT-Saat nicht leisten könnten und dadurch einen Wettbewerbsnachteil hätten.

Die EU tut sich mit der neuen Gentechnik schwer. Zurzeit wird sie noch ebenso behandelt wie die klassische „alte“. Das heißt z. B.: Komplizierte Zulassungsverfahren, mögliche Anbauverbote in einzelnen EU-Ländern und vor allem Kennzeichnungspflicht. Die aber ist schwierig, weil viele Menschen keine „gen-veränderten“ Produkte kaufen möchten. Die EU-Kommission möchte deshalb künftig zwischen den beiden verschiedenen Methoden unterscheiden. NGT-Produkte wären dann nicht mehr kennzeichnungspflichtig. Aber der Vorschlag hängt noch im EU-Parlament fest.

International ist NGT längst akzeptiert. Beispiel Philippinen: Mit NGT verbesserter Reis braucht schon heute erheblich weniger Pestizide. Kanada: NGT-unterstützte Kartoffelzüchtungen erweisen sich als resistent gegen Krautfäule und bleiben länger haltbar. Südafrika: Die öffentlich-private Partnerschaft „Water Efficient Maize for Africa“ entwickelte Mais, der auch große Dürren überlebt. Japan meldet, dass mit NGT

verbesserte Tomaten erheblich länger frisch bleiben, ohne dass der Geschmack darunter leidet. Und auch Kleinbauern scheinen von NGT zu profitieren. Ein französisch-deutsches Team hat Reis entwickelt, der immun ist gegen das in Afrika verbreitete und hochschädliche Rice Yellow Mottle Virus. Seitdem melden die dörflichen Bauern kaum noch Ernteausfälle.

Fakten

NGT-optimierte Pflanzen sind auf deutschen Äckern bisher nicht zu finden. Auch, wenn sie auf EU-Ebene eines Tages zugelassen werden, muss sich Deutschland dem nicht anschließen. Federführend in Sachen NGT sind die USA und China, aber auch in Afrika werden gute Erfahrungen mit NGT-veränderten Pflanzen gemacht.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.