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2. Apr 2026

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Wirtschaft

Wer seine Lieferkette nicht kennt, verliert – Im Interview mit Dr. Martin Riester, Center Direktor Nachhaltige Produktion und Logistik Fraunhofer Austria Research GmbH

Journalist: Thomas Soltau

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Foto: Fraunhofer Austria

KI, Robotik und Automatisierung versprechen Kontrolle – doch der Mensch bleibt zentral. Dr. Martin Riester, Center Direktor Nachhaltige Produktion und Logistik Fraunhofer Austria Research GmbH, über technologische Grenzen und organisatorische Fehler.

Lieferketten galten lange als stilles Rückgrat der Wirtschaft. Warum sind sie heute zum strategischen Machtfaktor geworden, über den Vorstände und Aufsichtsräte entscheiden müssen? Die Gestaltung der globalen Lieferketten entscheidet über die Resilienz von Unternehmen. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat die globale Vernetzung deutlich zugenommen und Kostenvorteile sowie Wohlstand ermöglicht. Gleichzeitig sind dadurch Abhängigkeiten entstanden – sowohl auf makroökonomischer Ebene zwischen Staaten als auch auf mikroökonomischer Ebene in Lieferbeziehungen zwischen Unternehmen. Bei einer stabilen weltpolitischen Lage und einem eingeschwungenen System stellt dies kein Problem dar. Werden als fix angenommene Spielregeln verändert, z. B. durch Zölle, können die Vorteile in Nachteile umschlagen. Lieferkettenkonfigurationen sind daher zu einem wesentlichen Resilienzfaktor und zu einer Kernaufgabe für das Top-Management avanciert.

Haben Unternehmen die Verwundbarkeit globaler Lieferketten verstanden? Die aktuellen weltpolitischen Entwicklungen haben große Auswirkungen auf Lieferketten – das haben die Unternehmen verstanden. Einen Rückfall in alte Routinen kann ich auf Basis meiner Einblicke nicht feststellen. Im Gegenteil: Die Unternehmen versuchen sich auf volatile Marktsituationen bestmöglich einzustellen.

KI soll Planung und Prognosen revolutionieren. Wo liefert sie heute tatsächlich belastbare Entscheidungen und wo ersetzt sie lediglich menschliche Unsicherheit durch algorithmische? Es kommen heute alle Ansätze zum Einsatz – menschliche, algorithmische und vereinzelt, aber zunehmend, KI-basierte. Letztere bergen großes Potenzial, vorhandenes Wissen im Unternehmen zu halten sowie darauf aufbauend bessere Entscheidungen zu fällen. Bereiche, in denen bereits erfolgreich KI für Prognosen und zur Entscheidungsunterstützung eingesetzt wird, sind z. B. Instandhaltung, Bedarfsplanung, Bestandsoptimierung und Konstruktion.

Es empfiehlt sich, KI-verantwortlichen Teams abseits von Corporate-IT und Legacy Systemen Raum für Entwicklungen zu geben.

Viele KI-Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern an der Organisation. Welche strukturellen Fehler beobachten Sie in Unternehmen immer wieder? Dazu drei Punkte:

  1. Die Einstellung EINES KI-Experten, welcher die KI-Agenda eines Unternehmens plant, koordinieren und umsetzen soll, ist nicht ausreichend. KI ist keine Aufgabe für eine Einzelperson. Es benötigt mehrere Unternehmensbereiche sowie Sparring-Partner für die Lösungsfindung.
  2. Unternehmen sind oft Gefangene ihres eigenen Systems, wodurch Denkräume eingeschränkt sind. Es empfiehlt sich, KI-verantwortlichen Teams abseits von Corporate-IT und Legacy Systemen Raum für Entwicklungen zu geben.
  3. Da die Halbwertszeit des Wissens im KI-Bereich sehr kurz ist, sollten Personen in diesem Bereich über eine hohe intrinsische Motivation verfügen, sich laufend neues Wissen anzueignen.

Robotik und autonome Systeme versprechen Effizienz und Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt. Wo stößt diese Vision in Lager und Logistik aktuell an ihre Grenzen? Der Einsatz von Automatisierung wird sowohl durch bauliche als auch durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen begrenzt. Nicht jedes Gebäude eignet sich aufgrund regulatorischer Vorgaben, etwa zu Bodenlasten oder Gangbreiten. Zudem müssen sich Investitionen rentieren. Wo der erforderliche Durchsatz fehlt, werden auch künftig manuelle Lager betrieben. Technikanbieter reagieren auf diese Hürde mit kleineren und skalierbaren Lösungen. In Regionen mit ausgeprägtem Arbeitskräftemangel beobachten wir vereinzelt, dass eine längere Amortisationsdauer akzeptiert wird, da ein höherer Automatisierungsgrad Voraussetzung für den Fortbestand des Standorts ist.

Der Mensch bleibt nach wie vor ein wesentlicher Faktor in den Lieferketten. Auf sich selbststeuernde und sich selbst planenden Lieferketten müssen wir noch eine Weile warten.

Der Mensch scheint in hochautomatisierten Lieferketten oft nur noch als Störfaktor vorzukommen. Warum ist das eine gefährliche Fehleinschätzung? Der Mensch bleibt nach wie vor ein wesentlicher Faktor in den Lieferketten. Auf sich selbststeuernde und sich selbst planenden Lieferketten müssen wir noch eine Weile warten. Dafür müssen, jetzt und weiterhin, noch zu viele manuelle Schritte vollzogen, Prozesse digitalisiert und Daten erzeugt bzw. sinnvoll genutzt werden. Der Mensch ist nach wie vor das flexibelste Werkzeug in Produktions- und Logistikprozessen.

Werden Lieferketten 2030 robuster und souveräner sein als heute oder nur schneller und komplexer? Wir entwickeln uns Richtung smarte und glokale Wertschöpfungsnetzwerke, d. h. die Vorteile globaler Wertschöpfungsketten werden mit den positiven Effekten des lokalen Wirtschaftens verknüpft. Durch regionale Produktion werden die Lieferketten souveräner, aber durch technologische Vernetzung auch komplexer. Sie werden nicht zwangsläufig „sicherer“, aber wir werden durch die optimierte Datennutzung, auch durch KI-Einsatz, eine höhere Transparenz über die bestehenden Risiken haben.

29. Sep 2026

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Wirtschaft

Energiekurs Deutschland – Ein Beitrag von Tim Meyer, Energieexperte, Speaker und Berater

Wer heute erfolgreich durch die Energiewelt navigieren will, kommt mit alten Landkarten nicht weit. Zum einen hat sich die geopolitische Tektonik verschoben: Spätestens seit 2021 wissen wir, dass Versorgungssicherheit über Erdgas nur noch mit hohen Kosten und Preisrisiken zu haben ist – seit dem Konflikt an der Straße von Hormus gilt das auch für Kraftstoffe. Wichtiger noch: Die Welt steckt in einer elektrotechnologischen Revolution, die weit über die Energieversorgung hinausreicht. Mobilität, Wärme, industrielle Prozesse und die Fertigung von morgen werden weitgehend elektrisch. Die Märkte haben sich bereits massiv verschoben – nicht nur die deutsche Autoindustrie leidet unter Absatzverlusten einst erfolgreicher Produkte. Treiber ist der globale Boom bei erneuerbaren Energien: Mit ihnen ist Strom so günstig und verfügbar wie nie, und der Preisverfall bei Batteriespeichern gleicht Schwankungen von Wind, Sonne und Verbrauch immer besser aus. Ergebnis: Allein in diese Technologien und den Ausbau der Stromnetze fließen weltweit Investitionen von über 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr – etwa fünfmal so viel wie in neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke. Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. So anstrengend diese Gleichzeitigkeit wirkt: Für Menschen und Unternehmen in Deutschland liegen darin große Chancen. Zwei Dinge sind gewiss: Erstens gibt es kein Zurück – geopolitische Spannungen verschwinden nicht, und der technologische Fortschritt bei Clean Tech lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens sind diese Entwicklungen global: Technologien, die wir ohnehin für den Heimatmarkt entwickeln müssen, sind weltweit gefragt und können zur zentralen Säule des dringend nötigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden. >Ein neues Energiezeitalter hat längst begonnen. Umgekehrt gilt: Wer an alten Plänen und alter Technologie festhält – und sei es neu verpackt als „hocheffiziente Verbrenner“ oder „Grüngas“ –, landet auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis. Industrielle Revolutionen kann man nicht aufhalten. Man kann sich nur entscheiden, auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen zu wollen. China macht das seit Jahren zur Industriepolitik: vom Abnehmer deutscher Maschinen zum aggressiven Wettbewerber, inklusive Sicherung von Rohstoffen und Lieferketten. Heute ist China globaler Marktführer bei Wind- und Solarenergie, Batterietechnik und E-Mobilität – weitere Angriffe auf deutsche Märkte sind angekündigt, auch bei Wärmepumpen. Es gilt also, aus der Not eine Tugend zu machen: Absicherung gegen fossile Preisrisiken, Investition in Zukunftsmärkte, europäische Resilienz und Klimaschutz sind dabei ein und dasselbe. Die Politik muss diese neue Realität in eine verständliche Energielandkarte übersetzen: Elektrifizierung unserer Volkswirtschaft als verankertes Ziel, politisch gemanagt und mit Investitionen hinterlegt – vor allem durch schnellere Modernisierung der Energieinfrastruktur, also Digitalisierung, effizientere Organisation und Ausbau der Stromnetze. Doch auch ohne den großen politischen Wurf gibt es Lösungen, die sich schon heute lohnen und in die unternehmerische Zukunft weisen. „Energiekurs Deutschland“ zeigt diese Richtungen auf. Je mehr Unternehmen sie jetzt nutzen, desto mehr profitiert die Allgemeinheit – denn Deutschland hat alle Voraussetzungen, sich neu zu erfinden. Wir müssen es nur wollen und anpacken.