24. Sep 2026
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Gesellschaft
Journalist: Katja Deutsch
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Foto: Presse, Getty Images/unsplash
Prof. Dr. Klaus Kümmerer gehört zu den international führenden Wissenschaftlern der Nachhaltigen Chemie. Für seine Forschungsleistungen an der Leuphana Universität Lüneburg und seine vielfältigen Aktivitäten in nationalen und internationalen Gremien außerhalb der Wissenschaft wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Der langjährige Leiter des Research und Education Hub des ISC3 ist Träger des Wöhler-Preises für Nachhaltige Chemie und Ehrendoktor der Universitäten Gent und Helsinki. Er erläutert, warum „grünere“ Chemie nicht automatisch nachhaltiger ist.

Prof. Dr. Klaus Kümmerer, Träger des Wöhler-Preises für Nachhaltige Chemie und Ehrendoktor der Universitäten Gent und Helsinki
Herr Prof. Dr. Kümmerer, in der Chemie ist es ähnlich wie in der Naturkosmetik – unterschiedliche Begriffe sind zwar miteinander verwandt, aber eben nicht dasselbe. Wie genau definiert man grüne Chemie, Kreislaufchemie und nachhaltige Chemie/Pharmazie? Nachhaltige Chemie beginnt grundsätzlich mit der Frage: Welche Funktion soll erfüllt, welche Dienstleistung bereitgestellt werden? Nachhaltige Chemie betrachtet daher alle Aspekte, die für eine nachhaltige Erfüllung einer Funktion oder Dienstleistung relevant sind – nicht nur die chemischen. Die gemeinsam mit dem Internationalen Kompetenzzentrum für Nachhaltige Chemie (ISC3) entwickelten 10 „Key Characteristics of Sustainable Chemistry“ beschreiben diesen ganzheitlichen Ansatz sehr gut und praxisnah. Ziel ist es, z. B. von vornherein Ressourcen zu sparen, Risiken für Mensch und Umwelt mitzudenken (und so zu vermeiden) und soziale und ethische Fragen einzubeziehen. Damit wird Chemie langfristig wettbewerbsfähig bleiben und an Akzeptanz gewinnen.
Nachhaltigkeit kann nicht nachträglich in Produkte integriert werden. Sie muss von Beginn an Teil des Designs des Systems und von Produkten sein.
Weshalb reicht es nicht aus, chemische Produkte ein bisschen „grüner“ zu machen? Nachhaltigkeit kann nicht nachträglich in Produkte integriert werden. Sie muss von Beginn an Teil des Designs des Systems und von Produkten sein. Grüner ist nicht automatisch nachhaltiger. Eine Chemikalie kann grüner hergestellt werden und trotzdem Teil eines wachsenden Stoffstroms bleiben oder gar nicht notwendig sein. Wenn ein Produkt nur fünf Prozent mehr Leistung bringt, dafür aber mehr Rohstoffe, Energie und Inhaltsstoffe benötigt, ist nichts gewonnen. Genauso wenig nützt es, wenn nur ein oder zwei Prinzipien der grünen Chemie erfüllt werden. Entscheidend ist, ob Ressourcen-, Stoff- und Materialverbrauch insgesamt sinken und die Charakteristika der Nachhaltigen Chemie berücksichtigt wurden. Es benötigt Organisationen wie das ISC3, die dazu beitragen, diesen ganzheitlichen Ansatz in die Praxis zu überführen, indem Wissenschaft, Unternehmen und Politik zusammengebracht und nachhaltige Innovationen international sichtbar gemacht werden. Denn nur dieser ganzheitliche Blick verhindert Greenwashing und verbindet Innovation mit Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie sozialem und wirtschaftlichem Erfolg.
Warum sollten wir von einer rein produktzentrierten zu einer dienstleistungs- und funktionsorientierten Sichtweise wechseln? Das schafft neue Geschäftsmodelle mit weniger Rohstoffbedarf, Abfall und Abhängigkeiten. Unternehmen verkaufen dann nicht möglichst viel Produkt, sondern Service. Ein Hersteller kann Lösungsmittel oder Katalysatoren bereitstellen, nach Gebrauch zurücknehmen und erneut einsetzen, oder ein Unternehmen wird nach lackierter Fläche bezahlt, statt für die verkaufte Menge Lack. Im Mittelpunkt stehen dann Service, Wissen und Prozessoptimierung statt hoher Absatzmengen. Aus einer klassischen Win-Lose-Logik wird so eine kooperative Win-Win-Situation aller. Recycling bleibt wichtig, braucht aber Energie, erzeugt Abfälle und Verluste. Deshalb sollten wir zuerst die gewünschte Funktion betrachten, Produkte nur dort einsetzen, wo sie wirklich notwendig sind, sie möglichst lange nutzen und erst anschließend recyceln. Diese serviceorientierte Sicht ist keine idealistische Zusatzoption, sondern Voraussetzung für eine zukunftsfähige Chemie – ökologisch, sozial und wirtschaftlich, im Interesse jetziger und kommender Generationen.
Grüner ist nicht automatisch nachhaltiger.