Diesen Artikel teilen:

16. Sep 2026

|

Gesellschaft

Fachkräftemangel im Mittelstand – mit Laura Bornmann, HR-Expertin und eine der führenden Stimmen für New Leadership und New Work

Journalist: Julia Butz

|

Foto: Farina Deutschmann, Getty Images/unsplash

Im Gespräch mit Laura Bornmann, HR-Expertin und eine der führenden Stimmen in Deutschland für New Leadership und New Work.

1_Laura Bornmann_Credits_ Farina Deutschmann Online.jpg

 Laura Bornmann, HR-Expertin und eine der führenden Stimmen für New Leadership und New Work

Frau Bornmann, wo liegen die Ursachen für den Fachkräftemangel? Seit Jahren ist klar, dass zu wenig Nachwuchs nachkommt, und mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand verschärft sich die Situation weiter. Das war lange absehbar, konsequent gegengesteuert wurde jedoch kaum. Zudem erleben wir einen massiven Qualifikations-Mismatch. Gut ausgebildete Menschen finden keine passende Stelle, auch weil aufgrund der wirtschaftlichen Lage derzeit viele vorsichtig sind, neue Leute einzustellen. In anderen Bereichen fehlen dringend erforderliche Kompetenzen und Unternehmen schaffen es nicht, Menschen schneller für neue Aufgaben zu qualifizieren. Der Arbeitsmarkt hat sich einfach fundamental verändert. Damit müssen sich auch unsere Prozesse verändern.

Was bedeutet das konkret für die HR-Abteilung? Unternehmen müssen im Recruiting grundlegend umdenken. Statt weiter nach dem perfekten Kandidaten mit passender Branchenerfahrung zu suchen, sollten sie stärker auf Potenzial und Lernbereitschaft setzen. Auch die langen Bewerbungsprozesse, monatelangen Assessment-Center, … all das können wir uns heute nicht mehr leisten. Wer gute Fachkräfte gewinnen will, muss schneller entscheiden, offen für Quereinsteiger und neue Perspektiven sein und vor allem den Fokus stärker auf Entwicklungspotenzial und Lernbereitschaft legen. Das sind die Anforderungen, die wir heute brauchen.

Wer gute Fachkräfte gewinnen will, muss schneller entscheiden.

Auch weil niemand genau weiß, wie die Arbeitswelt in fünf Jahren aussehen wird? Ja, insbesondere da sich KI rasant weiterentwickelt und zunehmend Aufgaben übernimmt, die bisher menschliches Wissen erfordert haben. Ich finde, auch heute dürfen wir Leistung nicht über Arbeitszeit messen bzw. sie ist längst kein Indikator mehr für Leistung. Entscheidend sind vielmehr Fähigkeiten wie die genannte Lernbereitschaft, auch Begeisterungsfähigkeit, Empathie, Netzwerkfähigkeit, Mut zu Entscheidungen.

Welche Rolle spielt dabei die Führungskraft? Führung ist ein zentraler Hebel für Fachkräftesicherung. Natürlich spielt eine faire Bezahlung eine wichtige Rolle, aber Menschen bleiben vor allem dort, wo sie sich wertgeschätzt und gesehen fühlen. Führungskräfte, die Vertrauen schaffen, zuhören und auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen, machen einen entscheidenden Unterschied. Dabei glaube ich nicht, dass wir einen grundsätzlichen Generationenkonflikt haben. Denn wir alle wollen Wertschätzung, Sinn in unserer Arbeit, Entwicklungsmöglichkeiten und ein gewisses Maß an Flexibilität. Der Unterschied ist eher, dass Jüngere diese Themen stärker einfordern. Und gerade für den Mittelstand birgt dies große Chancen: kurze Entscheidungswege, Verantwortung übernehmen, Dinge bewirken und wirklich mitgestalten – das kann ich im Mittelstand oftmals sehr viel besser als in einem Konzern.

In den vergangenen Jahren lag der Fokus häufig auf den Bedürfnissen jüngerer Generationen. Dabei haben sich manche Ältere weniger gesehen gefühlt. Unternehmen sollten anerkennen: Der Erfolg von heute basiert auch auf der Leistung und dem Engagement der erfahrenen Generationen. Und gute Führung sorgt dafür, dass sich auch gemischte Teams mit einer gemeinsamen Mission, auf gleicher Wertebasis und mit Verständnis füreinander entwickeln.

Führung ist ein zentraler Hebel für Fachkräftesicherung.

Factbox

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert, dass bis 2028 rund 768.000 Fachkräfte fehlen könnten, wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen greifen. 2025 waren kleine und mittlere Unternehmen besonders vom Fachkräftemangel betroffen. Quelle: IW-Meldung vom 25.3.26